Die längste olympische Bahndistanz ist hierzulande nur eine Randerscheinung

pflieger_philipp_dlvgala08_foto_gantenberg-fotoRegensburg, 22. März 2010 (orv) - Regensburg, 21. März 2010 –  Lang ist es her, als die Herren Schildhauer, Kunze, Uhlemann, Fleschen, Zimmermann und Herle über die 10.000 m in der erweiterten Weltspitze mitliefen, in Europa bisweilen sogar dominierten. Im selben Maße wie die Afrikaner eine um die andere schier unüberwindliche Zeitbarriere auf den 25 Bahnrunden pulverisierten, verschlechterten sich Deutschlands Langstreckler auf dieser Distanz. Die 27er Zeiten von Franke und Baumann sind auch schon Geschichte, Carsten Eich, Andre Pollmächer und Jan Fietschen weckten neue Hoffnungen, mehr nicht. Übrig geblieben ist der Eropameistertitel von Jan Fitschen 2006. Wenn es nun im Sommer erneut um den kontinentalen Titel im spanischen Barcelona geht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass unter Umständen Deutschland erneut keine Rolle spielen wird.
Betrachten wir dazu einmal die Ausgangssituation des letzten Jahres. Hier durchbrach kein einziger Athlet die 29-Minuten-Schallmauer und als schnellste Zeit bleiben die 29:16 vom Straßenrennen in Otterndorf stehen, die der deutsche 5000 und 10 km (Straße) Meister Arne Gabius auf einen Kurs erzielt hat, der schnelle Zeiten im hohen Maße begünstigt. Insgesamt blieben nur 7 deutsche Männer unter 30 Minuten, teilweise noch denkbar knapp, und die schnellste Zeit lieferte Hindernismann Filmon Ghirmai beim Meisterschaftsgewinn Anfang Mai mit 29:40,06 ab. Sicher, dieses Rennen konnte man im erweiterten Sinne in eine Spurtentscheidung einordnen. Warum und wieso es andernorts nicht schneller ging, liegt zunächst einmal in der terminlichen Aschenputtel-Behandlung durch den Verband.

Wer diese Strecke als nationalen Höhepunkt Anfang Mai einplant, fordert geradezu den Niedergang heraus, zumal noch viele Landesverbände ihre Landesmeisterschaften in den frühen April ziehen und nur der Landesverband Bayern damit Ende Mai/Anfang Juni geht. Als Grund wird die hohe aerobe Ausgangslage der Athleten Ende April, Anfang Mai und die große Terminnot im Sommer angegeben. Fragte man den ehemaligen Bundestrainer Jürgen Mallow, war dieser immer überzeugt, dass im zeitigen Frühjahr schneller gelaufen würde, als zu den Meisterschaftstagen, wenn es zudem zur Parallelität mit den 5000 m kommt. Alle vorgelegten Argumente sind aber leicht zu widerlegen.

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen werden die 10.000 m etwa mit 103-105% der anaerob-aeroben Schwellengeschwindigkeit gelaufen. Auf den ersten Blick sind 5% anaerobe Anteile wenig, auf den zweiten aber immerhin 5-6 Sekunden pro 1000 m, summasumarum also fast eine Minute schneller als ein Lauf in der vL3. Exakt jene 5% können Anfang Mai, inmitten des intensivsten und umfangreichsten Bahnvorbereitungstrainings nie und nimmer abgerufen werden. Die Meisterschaften muss man außerdem nicht am selben Tag wie die 5000 m auslaufen. Drei Wochen vorher, an einem kühlen Sommerabend, vielleicht unter Flutlicht, lassen sich durchaus formidablere Zeiten als Anfang Mai laufen. Und schließlich noch das Hauptargument: Alle internationalen Entscheidungen sowohl im Junioren- als auch im Erwachsenenbereich finden im Hochsommer statt. Zu allem Überfluß sind mit den frühen Meisterschaften auch die ganz normalen 10.000 m Rennen aus den Terminkalendern des Sommers verschwunden.

Allein die terminlichen Gründe sind nicht schuld an der deutschen Bahn-Langstreckenmisere. Betrachten wir uns dazu einmal das Athletenpotential. Früher gab’s mal eine Zeitformel: Doppelte 5000 m Zeit plus 1 Minute ist gleich 10.000 m Zeit. Früher war das auch für viele Langstreckler kein Problem. Im Jahre 2009 hat das aber ganz anders ausgesehen. Von den 15 besten deutschen 5000 m Läufern konnten immerhin 10 passable, vergleichbare 10 km-Zeiten anbieten, zum Teil meist aus den obigen Gründen auch auf der Straße erzielt. Von diesen 15 Läufern kam aber keiner (!) auch nur annähernd an die Faustformel heran, die meisten lagen gut 30 Sekunden und mehr darüber.

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Dagegen liest sich das bei vielen der ehemaligen deutschen Asse so:

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a darf man dann auch mal laut über die Trainingsqualität deutscher Langstreckler Richtung Sommerhöhepunkt nachdenken, zumal deren Basisgeschwindigkeit über die 1500 m in vielen Fällen darauf hindeutet, dass größerer Ertrag über die zwangsläufig ins Auge gefassten 5000 m wohl hauptsächlich über die Überdistanz zu generieren sei. Diesen Beweis sind sie zumindest im letzten Jahr gänzlich schuldig geblieben, wenn man auch über die Jüngeren noch den Schutzmantel legen muss, weil die 25 Runden zur Reife eben ihre Zeit brauchen. Dennoch ist es inzwischen modern geworden, schon im zarten Alter von 20 Jahren ins jährlich mehrmalige Höhentrainingslager zu fahren, die Hausaufgaben im flachen Zuhause scheinen aber vorher nicht gemacht worden zu sein.

Hier ein Vergleich der nach der Weder-Methode berechneten Schwellenwerte, wobei zur Berechnung der 2009er-Schwellen die relevanteren Werte 3000 m und 5000 m verwendet wurden:

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Der Vergleich zu den ehemaligen Assen:

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Daraus ergibt sich, dass die derzeiten aerob/anaeroben Übergänge (vL3) der aktuellen Athletennoch absolut unterdurchschnittlich ausgeprägt sind, Qualitäten im aeroben Bereich nur ungenügend erarbeitet sind und folglich die 10.000 m Bestzeiten keinen Ausrutscher darstellen, sondern im hohen Maße die gängige Realität. Dabei muss noch festgehalten werden, dass jene äußerst günstige Strecke in Otterndorf (Straße) viele Bestzeiten schönt, die so auf der Bahn nicht erzielt werden konnten. Dahingegen erreichten die Asse vergangener Zeiten nach Berechnung durch das Weder-Modell erstens wesentlich höhere aerob/anaerobe Übergänge, zudem absolut zielsicher auf Grund der eingegebenen 3000 m/5000 m Werte mit ihrer reellen Bestzeit die errechneten Zielzeiten.

Um jene hohe Mischung aus Trainingsqualität und –quantität erreichen zu können, bedarf es eines vieljährigen Aufbaus, der nicht erst im 23. oder 24. Lebensjahr beginnen kann, zumal auch noch die nötigen Schnelligkeitsfähigkeiten in den meisten Fällen auf der Unterdistanz fehlen. Langstrecke heißt in vielen Fällen trainingstechnisch ausgrenzen. Damit sollte man in aller Regel zunächst einmal unter normalen Umfeldbedingungen beginnen. 1984, bei weitem kein deutsches Hochjahr der damaligen Zeit, liefen die Top-ten in der Bundesrepublik zwischen 13:27 und 13:50, damit also auch nicht unendlich schneller als die gesamtdeutsche Athletenschar im Jahre 2009. Sieben davon blieben aber vermutlich zumeist auch ohne Höhentraining unter 29 Minuten bei einer Top-Zeit von Christoph Herle von 28:03. Da sollten wir im Bälde wenigstens wieder einmal hinkommen, das Athletenpotential dazu ist immer noch da.