Verwirrungen, aber auch Lehren von den Winter – Olympics in Vancouver

Kürten,30. März 2010 (pöhlitz) - Wenn er das nur schon in der ersten Woche der Spiele in Vancouver gewusst hätte, dass seine Skilangläufer am Ende 1x Gold, 4x Silber und auch noch 2 vierte Plätze erkämpfen, hätte er sich bestimmt die Frauen - Schelte nach der vergeigten Doppelverfolgung über 15 km in der ersten Woche verkniffen. Schon als die kaum erwarteten sensationellen Goldmedaillen im Teamsprint durch Evi Sachenbacher - Stehle und Claudia Nystad und Silber in der 4 x 5 km - Staffel in der zweiten Woche der Olympics kamen haben sich bestimmt viele verwundert die Augen gerieben. War Langlauf-Chef Jochen Behle ungerecht, hatte er die Lage falsch eingeschätzt? Hatte er nicht mehr an sie geglaubt? Trotz Gold und 4x Silber blieben nach dem größten Event aller 4 Jahre in den traditionellen Skidisziplinen über die mittleren Langstrecken 10 und 15 km nicht nur Medaillen-Reserven, sondern aus Trainersicht auch Fragen offen. Die angekündigte gründliche Analyse mit etwas Abstand zu Hause bestätigt das.

Nach sehr durchwachsenen Wettkämpfen im Vorfeld der Olympischen Spiele hatte ja kaum jemand solche Wunder erwartet. Da halfen auch nicht die optimistischen Prognosen, für die Bundestrainer Behle ja bekannt ist. Am Ende des 19.2.2010 standen die Plätze 11, 22, 24 + 36 (!) in den Ergebnislisten des 15 km-Rennens der Frauen, aber auch nur ein 6. Platz in der 4 x 10 km – Staffel der Männer! Die Enttäuschung war offensichtlich und  der schwarze Peter schnell den Sachenbacher-Stehle, Böhler, Zeller, Fessel und ihrem verantwortlichen Trainer zugeschoben. Mit der Explosion des Bundestrainers wurde zugleich auch die Hauptursache in der nicht ausreichenden Umfangstrainingsbelastung diagnostiziert: „150 – 200 Stunden trainiert die Weltspitze im Jahr mehr“ war sicher auch für viele Läufer interessant zu erfahren. In dieser Zeit könnte man etwa 2000 – 3000 (!) Ski-Kilometer pro Jahr zusätzlich absolvieren oder auch etwas anderes trainieren.

Betrachtet man die abschließenden Langstrecken, das 30 km – Rennen der Frauen und die 50 km der Männer mit Silber für Axel Teichmann, einem 4. Platz für Angerer und einem tollen 4. Platz von Evi – aber mit 1:20 Rückstand zu Gold – mit dem Augen eines Trainers, hatte man den Eindruck, dass Evi Sachenbacher-Stehle durchaus  die Voraussetzungen zur Ski-Königin hätte. Allerdings unterstreichen die ~ 3:30 Minuten Rückstand ihrer Teamkolleginnen Böhler und Zeller auch Behles Einschätzung von Schwächen im „gehobenen“ Grundlagenausdauerniveau. Die Frage ist: gilt das für alle oder nur für die „zweite Reihe“ – wenn es so etwas bei Olympischen Spielen überhaupt geben sollte?

Endergebnis Skilanglauf        Gold      Silber      Bronze   

1.         Norwegen                    5           2             2                 9
2.         Schweden                   3           2             2                 7
3.         Deutschland                1           4             0                 5


Trotz allem, behält er Recht. Das absolvierte Training passt sehr gut für den Sprint (2 x 3 x 3 Minuten mit je 3 Minuten Pause) und für das Staffelrennen über kurze 5 km (~ 15 Minuten pro Starter), für die Streckenlängen zwischen 30 – 60 Minuten gegen die Weltbesten aber gibt es Handlungsbedarf, gab es trainingsmethodische Mängel. Da darf man sicher aus der Distanz zweifeln ob in Zukunft Skilangläufer weiterhin alle Strecken von 1,5 km Sprint bis zu 30 bzw. 50 km in solch kurzen Abständen laufen können müssen, auch wenn es in der Endphase von Vancouver noch einmal gut gegangen ist. Für große Erfolge auf allen Strecken wird man in Zukunft bei zunehmender Leistungsdichte in der Spitze, wie das in der Leichtathletik seit langem normal ist, spezialisieren müssen und wohl auch ein paar mehr „Leute“ brauchen. Marathon – Doppel - Olympiasieger Waldemar Cierpinski hätte nicht einmal eine Siegchance über 1500 m (würde in etwa dem Ski-Sprint entsprechen) bei den Deutschen Meisterschaften gehabt.

Offensichtlich hatte der Cheftrainer im Laufe des Jahres einige Dinge übersehen, sich bestimmt schon im Jahresverlauf hin und wider über fehlende Umfänge geärgert, sonst wäre er doch nicht so früh in Vancouver explodiert. Niemand ist unfehlbar. Bestimmt hat auch er Schwachstellen. Dass er gern isst zeigt Wirkung. Unangenehm auffällig war, das er vor Ort seine nicht nur mitarbeitenden Heim-Trainer nicht einmal  - wie sich selbst – entsprechend ins Bild gerückt hat ! Ein Team ist nicht nur für Niederlagen, verwachste Ski, zu geringe Umfänge oder Infekte zuständig, sondern auch für Erfolge.

Die zu differenzierenden Ergebnisse und die Umfangsdiskussion zeigen, dass auch im Skilanglauf keine Pauschalurteile positive Ergebnisse in 4 Jahren in Sotchi sichern, dass über Zeit und Bereitschaft für die erforderlichen Umfänge gesprochen werden muss, dass es Mängel im langfristigen Aufbau einer ausreichenden Belastbarkeit für das Erwachsenenalter und Schwächen im komplexen Training gibt, und es sicher auch am „laufenden Personal“ fehlt.  Im 15 km – Frauen - Rennen wurde deutlich, dass alle schon früh der Geschwindigkeit der ersten 10 nicht folgen konnten oder auch wollten und in der zweiten Streckenhälfte vergrößerte sich der Abstand zur Spitze von Kilometer zu Kilometer. Da darf man zu dem Schluß kommen, dass in den fehlenden 150 Stunden Belastung auch viele Kilometer Qualitätstraining mit den entsprechenden Streckenlängen fehlten und auch die Kraftausdauer und das Selbstvertrauen nicht dem erforderlichen Welt-Niveau entsprachen. Da sind Parallelen zum Lauf nicht rein zufällig. Claudia Nystad, Evi Sachenbacher-Stehle, Axel Teichmann und Tobias Angerer haben aber auch bewiesen, dass Vieles in der Vorbereitung richtig war.