Regensburgs Teamchef Kurt Ring im Interview bei  Franziska Reng

Regensburg, 21. Dezember 2016 (Reng) – „Die LG Telis Finanz Regensburg landete diesmal in der DLV Vereinsrangliste auf Rang 17 (115 Punkte) und musste ebenfalls leichte Einbußen hinnehmen (2015: Platz 14 mit 129 Punkten). Dass diese Ranglistenplätze des Vereins mit gleich drei Olympia-Startern ausschließlich von den Altersklassen Männer/Frauen sowie U 23 beschränkt bleibt, soll nicht unerwähnt bleiben“, schreibt der Pressewart des Bayerischen Leichtathletik-Verbandes Reinhard Köchl in seinem Artikel auf blv-sport.de Anfang Dezember. Zwischen den Zeilen kann man lesen, dass dieser Fakt für ihn ungewöhnlich ist, weil die Erfolgspyramide der Regensburger auf dem Kopf zu stehen scheint.

Wer sich die Ranglisten der letzten Jahre einmal besser anschaut, wird feststellen, dass dies beim Regensburger Club, der in der Spitze national und international sehr erfolgreich und derzeit fast zu hundert Prozent  auf den Bereich Lauf spezialisiert ist, eigentlich seit Jahren schon so ist. Die Bestenlisten-Nennungen bei Frauen und Männern waren bei den Oberpfälzern schon immer sehr dominant, über mehr als zehn Jahre zurück verfolgbar. Natürlich weiß man in der Domstadt, dass Nachwuchspflege elementar ist. Beim Besuch der Trainingsstätte des Teams fällt auf, dass sich hier neben der national renommierten Läufertruppe eine Vielzahl von Jugendlichen und Schülern in der Halle tummeln.

An vernachlässigter Nachwuchsarbeit kann es also nicht liegen. Weiß der LG-Teamchef, Kurt Ring, eine andere Antwort darauf, warum die Leistungspyramide bei den „Blauen“, wie er sein Team gerne nennt, geradezu auf dem Kopf steht?

„Das hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist, dass rudimentäre Talente nicht gerade auf den Bäumen rund um und in Regensburg wachsen. Meistens haben die jungen Leute, die zu uns kommen, Schnelligkeitsdefizite, um später einmal auf höherer Ebene erfolgreich zu sein.
 
Das klingt ungewöhnlich aus dem Mund eines Trainers, der den Großteil seiner Athleten auf der Langstrecke groß herausgebracht hat. Warum bemängelt er sprintschwache Leistungen?

Ganz einfach, mit einer Grundleistung von vielleicht 14 Sekunden auf 100m mag man selbst bei den Damen betreffend der nationalen Spitze nur noch vom Marathon reden, um dann auch gleich an eine lange Entwicklungszeit bis zur Höchstausprägung von 15 Jahren zu denken. Darauf lassen sich nur die wenigsten ein. Die Defizite in den grundkonditionellen Bereichen Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer sind bei den heutigen Kindern gegenüber früher stark anwachsend.
 
Aber hier kann doch zum Beispiel der Schulsport, gerne auch in geeigneten Förderzentren mit einer umfangreichen Schulung wichtige Vorarbeit leisten, oder?

Da Regensburg weder Leichtathletikhalle, noch Sportinternat oder Eliteschule des Sports besitzt, kommen aber keine Jungtalente wegen des Leistungssports nach Regensburg. Unser effizientes LG-Fördersystem im Lauf greift erst in der U23, nach dem Abitur. Deshalb entscheiden sich junge Läufer in diesem Alter, den Schritt nach Regensburg zu wagen. Die übliche Dolchstoßlegende, wir würden diese dann „kaufen“, entspricht nicht der Realität. Es ist eine komplexe Förderkompetenz, die sie weiterbringt, innerhalb von verschiedenen, stark individuellen Vorgehensansätzen. Dass das auch ohne ortsansässigen Olympiastützpunkt funktioniert, sieht man an den diesjährigen Topergebnissen mit 15 internationalen Einsätzen, 17 nationalen Titeln, 6 EM-Einsätzen sowohl im Stadion als auch im Cross und drei Olympiateilnahmen.

Also beugt man sich der Tatsache einer nicht vorhandenen Infrastruktur zur gezielten Förderung im Jugend- und Schüleralter? Damit schließt man doch begabte Talente im eigenen Umfeld mehr oder weniger aus, weil der Fokus automatisch stärker auf das angesprochene Alter ab der U23 gelegt wird, in dem viele Läufer zur Trainingsgruppe in der Domstadt hinzustoßen…

Mitnichten. Wir wären froh um jedes regionale Talent, wenn wir es denn hätten. Es bliebe viel mehr Zeit für den systematischen Aufbau und das Jungtalent könnte am Vorbild der „Großen“ im Verein viel lernen. Nicht jeder Nachwuchsathlet, der nicht selten in talentarmen Gegenden oft schon wie ein Popstar gefeiert wird, kommt auch oben an. Sich im Jugendalter günstig zu entwickeln, ist die eine Sache. Dazu braucht es oft auch gar nicht die Quantität und Qualität im Training, um sich zumindest national in die Spitze hineinzuarbeiten. Die Grundlagen für ein späteres Hochleistungstraining zu legen ist dann die andere Sache. Die wird werden im Rausch von Jugendmedaillen oft sträflich vernachlässigt. Der hohe Verlust von Talenten am der Schwelle zum Hochleistungssport könnte durchaus verringert werden, wenn man die jungen Sportler schon im Jugendalter, wenn noch alles wie von selbst weitergeht, darauf besser vorbereiten würde. Als kleines Beispiel ist hier ein psychologischer Aspekt zu nennen: Wo drei zu Olympia reisen und sechs bei der EM teilnehmen, bleibt das Jungtalent mit der Hoffnung auf eine U20-EM Teilnahme eher auf dem berühmten Teppich und sieht, wie hart die Vorbilder für ihre Ziele arbeiten mussten.

Was aber doch nicht davon abhält, innerhalb der möglichen, meist noch ausschließlich nationalen, Meisterschaften zu glänzen. Aber ist die Bilanz mit nur einer Platzierung im U20-, U18- und Schülerbereich nicht mit Sorge zu betrachten?

Das ist nicht jedes Jahr so. Hat das Team Ausnahmetalente, wie es Corinna Harrer, Susi Lutz, Julia Kick, Franzi Reng, Jonas Koller oder Stephan Wittl waren, in seinen Reihen, sind auch die Platzierungen da. Corinna Harrer hat als Jugendliche mit ihren Doppel- und Dreifachnennungen in der U23 und bei den Frauen zusätzlich insgesamt 22mal gepunktet. Wir drängen keinen auf Teufel komm raus zum Leistungssport. Wenn er ganz oben ankommen will, muss er intrinsisch motiviert sein, sein übliches Leben ganz auf den Sport einstellen und das braucht dann eben manchmal Zeit bis nach der U20. Hier zu drängen, kann sehr schnell konterproduktiv sein. Es muss „seine“ Entscheidung sein, wenn „Talent“ im Haifischbecken Hochleistungssport überleben will. Festzuhalten ist aber schon, dass unser Fokus auf der Zeit nach der U20 liegt, wir hier mehr Kompetenz und auch mehr Manpower entwickelt haben.

Was soll das konkret bedeuten?

Wer glaubt, man könnte so nebenbei mit einem Einsatz von 2-3 Tagen in der Woche dauerhaft Olympiakandidaten entwickelt, macht sich sicher etwas vor. Man muss da auch schon als Trainer sein Umfeld professionalisieren und die eigene Familie muss mitspielen. „Ich bin nun mal drei Wochen weg im Trainingslager“ geht so einfach nicht, wenn man voll im Beruf steht und vielleicht auch noch eine junge Familie zu Hause hat.

Kann man dann davon ausgehen, dass die Erfolgsstory LG Telis Finanz mit dieser ganz eigenen und den Umständen angepassten Philosophie nun auch die nächsten zehn Jahre so weiter geht?

Das wäre schön, hängt aber von vielen Zufällen ab. Zurzeit haben wir ein exzellentes Trainerteam, in dem die einzelnen Personen ihre Spezialgebiete gut einbringen können. Allein die langfristig angesetzte Entlastung meines eigenen Jobs als Headcoach innerhalb meines Aufgabenbereichs will noch nicht so recht gelingen, weil so mancher, der in jüngster Zeit dafür geeignet gewesen wäre, nicht über den nötigen Background verfügte oder aber die nötige Zeit assistieren wollte. Ein Toptrainer muss sich entwickeln und dazu muss er sich seine ganz eigene Truppe aufbauen, überzeugen durch Kompetenz und schauen, dass er Leute, die Bedarf haben, für sich und seine Arbeit gewinnen kann. Manchmal muss man auf diesen Erfolg auch geduldig warten. Meine Devise dazu: Besetze nie eine Position mit jemandem, von dem du nicht überzeugt bist. Lass sie lieber vakant. Irgendwann kommt der Augenblick, dann steht genau der Richtige vor Dir.

Und auf diese Weise kann der Erfolg langfristig und garantiert beibehalten werden?

Das Niveau, dass wir seit 2012 haben werden wir wohl über 2018 nicht in der gleichen Güte halten können, weil fünf oder sechs unserer Top-Leistungsträger im Höchstleistungsalter sind und sich wohl nach der EM 2018 oder spätestens nach den Olympischen Spielen 2020 in den sportlichen „Ruhestand“ begeben werden.

Sie spielen auf die Generation Harrer, Kock, Scherl, Pflieger, Orth und Huber an?

Natürlich denke ich an diese jetzt „goldene Generation“, die in den letzten sechs Jahren mehr als 30 nationale Einzeltitel bei den Frauen und Männern nach Hause gebracht hat, 12 Europameisterschaftseinsätze in Helsinki, Zürich und Amsterdam hatte, und von denen vier Athleten/Innen in London und Rio olympische Luft schnuppern konnten. Aber, wer weiß schon, was mit unseren Jungstars passiert? Simon Boch ist vor einer Woche 36ster bei der Cross-EM in der U23 geworden. Das ist eigentlich kein Grund, euphorisch zu werden. Aber auch ein Philipp Pflieger ist im gleichen Alter beim gleichen Event auch schon mal nur 53ster geworden. Irgendwann beschließt die Genetik eines Jungtalents, ihn zum Shootingstar zu machen, ansatzlos und ohne Vorwarnung und dann musst du als Headcoach bereit sein, ihn bei der Hand zu nehmen und nach oben zu führen. Beispiel gefällig: Wär hätte im Januar dieses Jahres nur einen Heller gesetzt, dass Nesthäkchen Franzi Reng vier Wochen später die souveräne Qualifikation für die Europameisterschaften packt? Es werden immer wieder Talente in unserem Team den Durchbruch schaffen. Nur wie gut und wann, kann man nicht voraussehen.

Wie soll dann der Tiefpunkt mit einer Nennung im Jugend- und Schülerbereich aus Ihrer Sicht nicht noch mehr verschlimmert werden? Wie wird es 2017 weitergehen?

Das wird sich zeigen. Wir haben hier durchaus drei bis vier junge Leute, die den Sprung unter die besten Dreißig in Deutschland schaffen können. Wir hoffen auch, dass sie dies in einem breiteren Spektrum tun, weil wir im Jugendbereich einfach noch keinen ausgesprochenen 800m- oder 5000m-Spezialisten haben wollen. Über- und Unterdistanz der Lieblingsstrecke sollte gleichzeitig gut ausgeprägt werden, wobei uns die Menge der Nennungen gar nicht so wichtig ist, als vielmehr eine persönlich sinnvolle zielgerichtete Entwicklung in Richtung Höchstleistungsalter aller unserer Athleten und Athletinnen. Und das liegt sehr weit vom Schüler- und Jugendalter entfernt.

Herr Ring, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen und dem gesamten Team der LG Telis Finanz ein ähnlich erfolgreiches Jahr 2017, wie es das olympische 2016 war.

Newstelegramm

Ruhstorf, 25.02.18
Bayerische Cross-Meisterschaften
Ausschreibung
Teilnehmer


Halle/Saale, 24.-25.02.18
Deutsche Jugend-Hallenmeisterschaften U20
Ausschreibung


Dortmund, 17.-18.02.18
Deutsche Hallen-Meisterschaften M/F


Dortmund, 17.-18.02.18
DM Halle Männer/Frauen
Webseite


Barcelona/E, 11.02.18
Halbmarathon
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Live-Ergebnisse


München, 10.02.18
Munich Indoor
Ergebnisse


Sindelfingen, 10.-11.02.18
Südd. Hallen-Meisterschaften M/F/U18


Sindelfingen, 10.-11.02.18
Süddeutsche Hallenmeisterschaften Aktive und U18


Frankfurt, 07.02.18
Deutsche Hochschul-Meisterschaften Halle
Ergebnisse


Bad Füssing, 04.02.18
Johannesbad Thermen-Marathon
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Ergebnisse


Fürth, 03.02.18
Bayerische Hallen-Meisterschaften U20/U16


München, 27.-28.01.18
Bayerische Hallen-Meisterschaften M/F/U18
Ergebnisse


Berlin, 31.-31.12.06
Silvesterlauf Berlin
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