Der Regensburger Marathonläufer hat sich durchgebissen

Pflieger Portrait15HM KiefnerfotoRegensburg, 22. Dezember 2016 (orv) – Philipp Pflieger ist ein junger Mann, genauer gesagt ein Läufer, der derzeit seinen Traum lebt. Sein Endziel, einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein, hat er am 21. August dieses Jahres in Rio erreicht. Unspektakulär für die Welt, weil eben einen 55. Platz im Marathon nur wenige im modernen Sportzirkus wahrnehmen, aber spektakulär für seine eigene Vita. Im Gegensatz zu seinen zwei Marathons vorher, als er bei seiner Premiere bei Kilometer 35 aufgeben musste und dann ein Jahr später, als er wie Phönix aus der Asche  mit 2:12:50 Stunden eine für ihn damals fast unvorstellbare Zeit auf die Berliner Straßen zauberte. Nach Rio ist er erstaunlich schnell wieder ins Laufgeschehen zurückgekehrt. Das hat viel mit seiner derzeitigen Gefühlswelt zu tun.

„Einen Monat ist er nun schon wieder her – der Tag auf den ich fast mein gesamtes sportliches Leben hingearbeitet habe: Der Marathon bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Viele von euch werden es vielleicht im Fernsehen verfolgt haben, manche ja sogar vor Ort. Es war ein Tag wie ich ihn mir vorgestellt, ja sogar gewünscht habe. Nicht die konkrete Platzierung oder Zeit, sondern der Wunsch mein absolviertes Training am Tag-X abrufen zu können und das Letzte aus sich heraus zu holen. Besonders letzteres hat ziemlich gut geklappt wie man ja bei meinem Zieleinlauf sehen konnte“, schreibt er nur ein Monat nach den 42 Kilometern von Rio auf seiner Homepage.

Berlin und vor allem die Olympischen Spiele in Rio haben ihm Türen geöffnet. Türen, die er braucht, um als Marathonläufer überhaupt überleben zu können. „Marathon kannst du nur auf hohem Niveau laufen, wenn Du deine Berufung als Läufer zum Beruf machst“, ist ein oft verwendeter Satz für ihn. Nach Abschluss seines Studiums in Politikwissenschaften vor drei Jahren setzte er alles auf eine Karte und bezeichnet sich seitdem als Laufprofi. Seine Leidenschaft ist zum zumindest temporären Beruf geworden. „Und was jetzt? Wie geht es weiter?“ waren gerade nach Rio bohrende Fragen. Ein Weiter auf der Marathonstrecke beziehungsweise beim Laufen überhaupt, hatte er abhängig gemacht, ob er fortan von seiner Leidenschaft leben könnte. „Die eine oder andere Weggabelung im Labyrinth des Lebens liegt sicherlich vor mir. Sich deshalb den Kopf zerbrechen? Nein. Einfach fallen lassen und schauen was kommt! Das Leben ist spannend und darüber bin ich froh“, schreibt Philipp Pflieger nun auf seiner Homepage. Inzwischen sind viele Dinge geklärt. Die Sponsorengespräche liefen gut, der Regensburger wird seiner Leidenschaft, dem Marathon weiterhin zur Verfügung stehen können.

Erwachsen geworden ist der rotblonde Schlacks in seiner wohl schwierigsten Zeit des Hoffen und Bangens nach seiner ganz persönlichen „Marathonexplosion“ im September 2015. Die nächsten Monate brachten ihm viel öffentliche Anerkennung sowohl in den überregionalen Medien als auch im Insiderbereich der deutschen Marathonausrichter. Alle standen hinter ihm, wenn es um seinen olympischen Traum ging. Doch was sollte das alles nützen, wenn ein unerschütterliches Veto des Verbandes zu lesen war. „Der DLV senkt die Olympianormen nicht“, hieß die Headline auf leichtathletik.de. Es war jetzt an der Zeit, dass Philipp Pflieger die Dinge selbst in die Hand nehmen sollte. Dr. Paul Lambertz, ein im Sportrecht versierter Jurist aus Düsseldorf hatte den Regensburger angerufen und ihm eine Möglichkeit der Klage nahegelegt. Philipp Pflieger, im wirklichen Leben eigentlich ein ruhiger, ausgeglichener Typ, überlegte, beriet sich mit seinem langjährigen Coach und Mentor Kurt Ring, um dann zu handeln.

Der Anwalt schrieb einen Brief an den für die Nominierung zu den Olympischen Spielen zuständigen Deutschen Olympischen Sportbund und einen an die Führung des Deutschen Leichtathletik Verbandes. Er wollte ein Gespräch und setzte dafür einen Termin. Der DOSB bat um Aufschub, wollte sogar mit seiner Führungsriege Michael Vesper und Dirk Schimmelpfennig antreten. Letztendlich kam es gar nicht mehr dazu. Die Dinge hatten sich gedreht. Am 27. Januar lenkte der DOSB und in seiner Gefolgschaft auch der DLV fast total ein Alle in Frage kommenden deutschen Marathonläufer/Innen lagen innerhalb der neuen Anforderungen. Die Stadionnormen wurden unisono den internationalen entry standards angeglichen. Eine Schlacht neigte sich für den Regensburger Läufer zum Guten, die Frage aber, ob Verbände nach Gutdünken allein in einer elitären Denkweise Athleten die Tür zuschlagen dürfen, wenn sich diese nach internationalen Maßstäben qualifiziert haben, bleibt weiterhin ungeklärt. „Die erweiterte Endkampfchance“ scheint im elitären Denken deutscher Sportfunktionäre eingebrannt zu sein.

 „Angst essen Seele auf“ hieß ein Film, den Rainer Werner Fassbinder 1974 gedreht hat. „Angst ist eine starke negative Kraft. Angst lähmt. Angst wirkt zerstörerisch.  Aus Ängsten entwickeln sich Minderwertigkeitskomplexe, Depressionen, Panik und Phobien. Angst bringt die meisten Menschen dazu, falsche Entscheidungen zu treffen. Aus Angst treffen Menschen oft gar keine Entscheidung. Das führt dazu, dass die meisten im Leben nicht richtig weiterkommen, resignieren, zuerst ihre Träume und schließlich sich selbst aufgeben“, schreibt Lebensberaterin Sylvia Geiss auf ihrer Internetseite. Philipp Pflieger hat im Herbst 2015 all seine Ängste, nicht aufmucken zu dürfen gegenüber der allmächtigen Funktionärsmeinung überwunden und seinen Traum verwirklicht. „Ich würde mir wünschen, dass sich immer mehr Athleten auf Augenhöhe der Verbände und der über sie bestimmenden Funktionäre begeben und für ihre Rechte kämpfen“, sagt Pfliegers alter Coach und väterlicher Freund Kurt Ring. Teilzunehmen am internationalen Event, sofern sich der Athlet nach den internationalen Ausschreibungen qualifiziert hat, ist so ein Recht – gleich, ob er Erster oder Letzter wird. Die eigentliche Grundidee eines jeden Wettbewerbs braucht eben neben dem Gewinner auch den Verlierer. Dass das kein deutscher Athlet sein darf, steht nirgends geschrieben.

Philipp Pfliegers Anwalt, der Düsseldorfer Jurist in Sachen Sport Dr. Paul Lambertz sieht das ein wenig pragmatischer. Er meint, dass Sportler mit internationaler Qualifikation ihre Leidenschaft als Beruf ausüben und der Verband als Monopolist auftritt. Verweigert dieser als solcher dem eigentlich qualifizierten Sportler die Teilnahme, käme dies einem Berufsverbot gleich. Das wiederum würde gegen das Kartellgesetz verstoßen. Ein Grund zur Klage wäre also gegeben. Vor Rio sind die Verbände einer juristischen Klage ausgewichen, kein/e Athlet/In hatte mehr Grund zur Klage. „Wir bleiben aber da dran“, sagt Pfliegers Coach Kurt Ring, der weiß, dass seine Topathleten genauso denken und wohl auch handeln würden wie Protagonist Philipp Pflieger. „Dass wir Regensburger nicht am gleichen Strang wie unser Verband ziehen, ist doch Quatsch. Im Grunde wollen wir alle das Gleiche, nämlich, dass unsere Athleten/Innen besser werden. Als Teamchef werde ich mich immer hinter die Rechte meiner Athleten stellen, verstehe aber die fatale Abhängigkeit der hauptamtlichen Funktionärsriege von der fordernden Politik, die eben auch Brötchengeber ist. Das ist ein schlimmer Interessenkonflikt, der oft genug zum Schaden des Athleten ausgetragen wird.“

2017 braucht sich Marathonmann Pflieger mit solchen Gedanken nicht herumschlagen. Erstens sind dann keine Olympischen Spiele und zweitens will er gar nicht zu den Weltmeisterschaften nach London. Als Berufsläufer möchte er jetzt Geld verdienen und das gibt es nicht bei der WM, sondern am besten bei den deutschen Stadtmarathons in Hamburg, Berlin oder Frankfurt. „Ich fühle mich derzeit freier denn je, mit so vielen Chancen und Möglichkeiten vor Augen, dass ich es kaum erwarten kann, die nächsten Jahre in Angriff zu nehmen“, sagt Philipp Pflieger jetzt über sich. Die Last des ständigen Beweises, zu zeigen, dass er Deutschland nur dann würdig vertritt, wenn er in den Top-Zwölf ankommt, braucht ihn im neuen Jahr nicht zu hemmen. Er muss momentan nicht mehr an Normen zu denken, zu zweifeln, ob es ihm überhaupt gelingt, jene fiktiven Werte zu erreichen. Er braucht einfach nur schneller laufen als vorher. Geht man davon aus, dass er erst drei Marathons in Angriff genommen hat und der dritte gleich olympisch war, kann man das von ihm durchaus erwarten.

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