Der Athlet der LG Telis Finanz Regensburg liegt im Clinch mit dem Verband – und wählt daher einen ungewöhnlichen Weg

Regensburg, 27. Februar 2017 (MZ) - Florian Orth wird nicht an den 34. Leichtathletik-Halleneuropameisterschaften, die ab Donnerstag in der serbischen Hauptstadt Belgrad stattfinden, teilnehmen. Der Athlet der LG Telis Finanz Regensburg verzichtet auf einen Start über 3000 Meter. Mit dieser ungewöhnlichen Entscheidung wolle der 27-Jährige ein Zeichen setzen „nach den den verstörenden Signalen in Leipzig bei der Hallen-DM, unsinnigen Leistungsnachweisen und fehlendem Respekt seitens des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV)“, teilte Orth mit. Hier geht's weiter zum Originalartikel auf den Seiten der Mittelbayerischen Zeitung ... Hier Florian Orths Originalbrief an die Verantwortlichen des DLV (die Genehmigung für die Veröffentlichung liegt uns inzwischen vor)

Sehr geehrte Damen und Herren,


hiermit muss ich leider mitteilen, dass ich auf einen Start über 3000m bei der Hallen-EM in Belgrad verzichten werde.


Mich plagten seit der Hallen-DM in Leipzig über eine Woche muskuläre Probleme, hervorgerufen durch die hohe Belastung von drei Starts innerhalb von 28 Stunden kurz nach einem dreiwöchigen Höhentrainingslager in Südafrika als Vorbereitung der Hallen-EM und Sommersaison. Vor der Hallen-DM hatte ich mich eigentlich darauf festgelegt, lediglich über 1500m an den Start zu gehen, um den geforderten, wenn auch unsinnigen Leistungsnachweis von 3:44,50 zu erbringen. Problem war hier nur, sollten zwei Athleten im 3000m Rennen der Hallen-DM noch die deutsche Norm laufen, wäre ich - obwohl noch immer schnellster Deutscher im Qualifikationszeitraum 01.01.2016 bis 26.02.2017 für die Hallen-EM mit 7:51,04 - laut DLV-Nominierungsrichtlinien nicht mehr in Frage gekommen, da Zeiten aus dem letzten Jahr grundsätzlich nachrangig behandelt würden. Da hätte auch ein Leistungsnachweis über 1500m am nächsten Tag nichts mehr gebracht. Also stellte ich mich in den 3000m-Lauf, um zu schauen, was die Konkurrenz macht: Ich wurde 2. hinter Richard Ringer, schlug im Spurt sogar Timo Benitz, wir liefen allesamt in einem taktischen Rennen sogar die internationale Norm für die Hallen-EM in Belgrad, und was war die Aussage von Verbandsseite? Das reiche nicht, hieß es vom DLV-Bundestrainer. Ein 2. Platz bei einer Deutschen Hallenmeisterschaft mit internationaler Norm - für andere Nationen würde das allein schon reichen - genügt dem DLV nicht als Bestätigung für die bereits erfüllte deutsche Norm aus dem Vorjahr. Also trotz bereits vorhandener muskulärer Probleme doch noch das 1500m Finale am nächsten Tag, der Rennverlauf war durch den zu erbringenden Leistungsnachweis eigentlich vorherbestimmt, wenn auch meine Taktik sich nicht daran orientierte, sondern an dem stärksten Konkurrenten Marius Probst. Ich gehe an den Start, um zu gewinnen, wollte Marius Probst müde laufen, und nicht um irgendeinen, willkürlich festgelegten Leistungsnachweis zu erbringen. So war ich am Ende perfekter Tempomacher für Marius Probst, konnte ihn zur deutschen Hallen-EM-Norm ziehen und wurde trotz "Auslaufens" mit punktgenau erfülltem Leistungsnachweis erneut Zweiter. Damit war alles erfüllt, ich hatte es dem DLV leicht gemacht, eine Nominierung, für die ich im Vorfeld der Hallen-DM so gekämpft habe, durch den BA-L nur noch Formsache. Es war aber auch kein Zufall, dass über 3000m die Zeiten analog dem internationalen Qualifikationszeitraum auch aus dem Jahr 2016 zählten, ein Schreiben meinerseits mit dem Hinweis auf die internationalen Regularien vor der Veröffentlichung der Nominierungsrichtlinien 2017 hatte das erreicht. Schade wiederum, dass diese Regel nicht auf alle möglichen Disziplinen Anwendung fand. Wer nicht fördert, kann auch nichts fordern. Ich weiß nicht, woher ein Verband hier die Arroganz nimmt, härtere Normen und engere Qualifikationszeiträume zu verlangen, wenn er die betreffenden Athleten kaum noch fördert. Hier muss endlich ein Umdenken im DLV erfolgen.

Aber wollte ich nach dem Hin und Her, den verstörenden Signalen in Leipzig jetzt überhaupt noch bei der Hallen-EM an den Start gehen? Gefragt worden bin ich nie. Und ich muss ganz ehrlich feststellen, dass ich für einen Verband, der mir als Athlet weder vertraut noch meine Leistung respektiert, und ein Land, das mich nach meinem besten Jahr 2016 dank "Spitzensportreform" sowohl für Trainingslager, Sporthilfe als auch Verdienstausfall in meiner dualen Karriere nicht mehr für förderungswürdig hält, vorerst nicht mehr an den Start gehen möchte. Ich riskiere nicht meine sportliche Gesundheit im Hinblick auf meine weiteren Wettkämpfe wie Cross-DM und Sommersaison, die mir wichtiger sind, die auch von Verein und Ausrüster, für deren Unterstützung ich äußerst dankbar bin, mehr honoriert werden. Es ist nicht klar, wer statt der Sporthilfe den Verdienstausfall für die Abwesenheit vom Arbeitsplatz übernimmt. Im Übrigen steht hier auch noch der Verdienstausfall für die Cross-EM im Dezember 2016 aus, da die Sporthilfe mit Verweis auf Olympia 2016 - was längst Geschichte ist - eine Übernahme ablehnte.

Klar, ein Start im Nationaltrikot sollte immer eine Ehre sein, nach all den Jahren ist es das auch immer noch für mich. Wer meint, ich würde leichtfertig einen Nationalmannschaftsstart absagen, vielleicht auch weil ich schon einige an der Zahl (über 20!) hatte und es nur eine Hallen-EM in Belgrad ist, tut mir Unrecht und weiß nicht, wie schwer ich mich in der letzten Woche mit dieser Entscheidung getan habe. Ich habe diskutiert und abgewogen, mit meiner Verlobten, mit Familie, Freunde, Trainingspartner, Trainer, Betreuer und Teamchef, verschiedene Meinungen gehört und für mich entschieden. Es wäre seit 2011 meine vierte Hallen-EM in Folge sowie siebte EM der Aktiven (4x Halle, 3x Freiluft) gewesen, eine Serie, die vielleicht nicht allzu viele Athleten vorweisen können, die man nicht so leicht aufgibt. Klar war auch nicht jede Teilnahme von Erfolg gekrönt, aber darum geht es nicht. Mir ist auch bewusst, dass mein Verzicht kein Erdbeben, keine Lawine, keinen Tsunami auslösen wird, vielleicht nicht mal einen kleinen Steinschlag, dafür bin ich ein zu kleiner Stern am großen Leichtathletikhimmel und dennoch sehe ich mich als einer der besten Läufer Deutschlands der letzten Jahre zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Stande, in Belgrad Teil der DLV-Nationalmannschaft zu sein, frei von Problemen an den Start zu gehen und meine beste Leistung zu zeigen.


Ich wünsche an dieser Stelle allen anderen Nationalmannschaftsmitgliedern für Belgrad, insbesondere den jungen und erstmalig im Nationaltrikot startenden Athleten, viel Glück und Erfolg bei den kontinentalen Hallenwettkämpfen, genießt Euren Moment und sammelt so viel Erfahrung wie möglich, wir werden sie spätestens in Berlin 2018 brauchen...

An dieser Stelle möchte ich mich noch beim Teammanagement um Siegfried Schonert, Silvia Schwinn, Inga Falter und Adi Zaar für die Unannehmlichkeiten bezüglich Einkleidung, Buchung bzw. nun wohl Stornierung von Flügen und Hotel entschuldigen, vielen Dank für Eure Organisation!

Ich bitte um Verständnis und stehe für Rückfragen zur Verfügung.

Mit sportlichen Grüßen
Florian Orth

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Usti/CSR, 16.09.17
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Berlin, 31.-31.12.06
Silvesterlauf Berlin
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