Immer weniger TV Präsenz selbst bei kontinentalen Titelkämpfen

Regensburg, 6. März 2017 (orv) – Am Wochenende fanden in Belgrad die Europameisterschaften der Leichtathleten unterm Hallendach statt. Wer davon etwas medial mitbekommen wollte, musste schon auf die Übertragung auf Eurosport zurückgreifen, wobei auch hier nicht alles zu sehen war, zudem kommentiert aus dem Studio in München. Der Wintersport hatte mit seinem Highlight Nordische Ski-Weltmeisterschaften bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF  der Leichtathletik nicht den Hauch einer Chance gelassen. Selbst dann nicht, wenn als Lückenbüßer zwischen Weltmeisterschaften und dem Weltcups der verschiedenen Wintersportarten so manch sportlich Grenzwertiges herhalten musste. Medial gesehen gleitet die olympische Kernsportart Nummer eins immer mehr aufs Abstellgleis.

Schon 14 Tage vorher, als in der Arena in Leipzig die Deutschen Hallenmeisterschaften quasi als Ausscheidung für Belgrad abliefen, strömten viele Leichtathletikfans zwischenzeitlich ins Arena Café, um sich dort die Entscheidung im Massenstart der Biathlon-Weltmeisterschaften anzuschauen. Warum eigentlich? Was ist passiert, dass selbst eingefleischte Leichtathletikfans mit bezahlten Sitzplatzkarten sich plötzlich vom Hallenareal abwenden und bei den Biathleten fremdgehen? Einer der Hauptgründe dafür war in Leipzig bei einer sehr eingeschränkten Wettkampffläche das Wirrwarr an Disziplindarbietungen, das selbst bei beteiligten Athleten zu Beschwerden führte. Fast ohne Unterbrechung fanden bis zu vier Entscheidungen gleichzeitig statt, die von den Moderatoren auch noch ausführlich kommentiert und vorgestellt wurden. Man musste schließlich 26 Wettbewerbe innerhalb vielleicht mal vier Stunden Fernsehzeit auf Samstag und Sonntag verteilt, zusätzlich mit Vorkämpfen und Vorläufen garniert, unterbringen. Das ist, wie feinste Schokolade essen, wenn man 17 Tafeln davon hintereinander verspeisen müsste.

Genau deshalb laufen Leichtathletikübertragungen für die Fans, die fast immer sprint-, lauf, -sprung- oder wurflastig sind, stets unbefriedigend ab, weil sie von ihren Premiumdisziplinen, dem Proporz geschuldet, immer nur Bruchstücke auf der Mattscheibe sehen. Wo beim Skispringen jeder der 50 Qualifikanten mit dem Livesprung, der Wiederholung in Zeitlupe und der Präsentation der Bewertung umfassend gezeigt wird, summa summarum bei einem Springen 80mal das Gleiche, und am Vortag nicht selten auch noch deren Qualifikation mit meistens siebzig Athleten über den Bildschirm läuft, kann man selbst bei Leichtathletik-Europameisterschaften froh sein, wenn man auf der Mattscheibe zumindest einen Versuch bei irgendeiner Höhe oder Weite eines deutschen Teilnehmers, der nicht um die Medaillen mitkämpft, erhaschen kann. Für moderne Sportpräsentationen hat die Leichtathletik schon längst die richtigen Formate verschlafen.

Was will eigentlich ein deutscher Ferseh-Konsument sehen? Drei Dinge sind wohl herausstechend: Der deutsche Athlet soll sich mit seiner nationalen Bekleidung deutlich von der Konkurrenz abheben, der taktische Kampf Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau steht ebenso hoch im Kurs und die Lieblinge der Nation sollten sich zumindest positiv darstellen, wenn sie schon nicht um den Sieg mitkämpfen. Nimmt man mal die internationalen Meisterschaften aus, bekommt man in der Leichtathletik stets den Markenkampf Nike gegen Adidas zu sehen, wer drin steckt, ist beinahe schon egal. In der medienträchtigsten Disziplin, dem Laufen, werden deutsche Athleten von übermächtigen ostafrikanischen Läufern bloß gestellt. Je mehr das sind, desto besser. Man frönt weniger dem Wettkampf als einer völlig übertriebenen Rekordsucht, führt ersteren oft mit künstlich installierten Tempomachern, im Fachjargon „Hasen“ genannt, geradezu ad absurdum und wundert sich – wenn immer mehr diesen Irrweg der Darbietungen nicht mehr sehen wollen. Die ständige Rekordhatz frisst Veranstaltungen, weil sie mit Sonderprämien immer teurer werden und fördert Doping, mit dem die Leichtathletik eh schon genug Probleme hat, weil das immer „Höher- Weiter – Schneller“ in immer kürzeren Zeitabschnitten eben „sauber“ nicht mehr zu realisieren ist.

Natürlich kann man das alte Format noch eine geraume Zeit in Ländern wie Portugal, das immerhin fünf Sportsender hat, anbieten, weil man dort außer Fußball und Leichtathletik nicht viel anderes kennt. Der gewinnbringende Markt für die Verbände und ihre hungrigen Athleten/Innen liegt jedoch in reichen Nationen, wie die Bundesrepublik eine ist, weil sich dann auch via Liveübertragungen veritable Sponsoren generieren lassen. Es gibt viel zu tun in Sachen Präsentation der alten Dame Leichtathletik, fragt sich nur, wann es tatkräftig angepackt wird.

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