Aus einem Läufernest wird langsam ein Leistungszentrum

Dattke Koller Suedafrika2017 Ring FotoRegensburg, 15. September 2017 (orv) – Das Regensburger Athletenhaus am Graßer Weg füllt sich nun schön langsam wieder. Nach der wohl verdienten Saisonpause kehren die alten Bewohner wieder von ihren eigentlichen Heimatorten oder auch aus dem Urlaub zurück und die neuen ziehen ein. Die Neuen, das sind Miriam Dattke, die Vize-Europameisterin über 5.000m in der U20 und Dominik Notz, der mit seinen 29:12 Minuten in diesem Jahr an zweiter Stelle der deutschen Bestenliste über 10.000m steht. Damit gewinnt das Haus an läuferischer Qualität und wird auch gleich ein wenig verjüngt.

Das Athletenhaus ist so ein kleiner Eckpfeiler, warum aus dem Läufernest Regensburg immer mehr ein Leistungszentrum auf den längeren Strecken wird. „Es sind die kleine Dinge, wie die Unterbringung, die kurzen Wege, das gerade ideale Trainingsgelände, die Zusammensetzung des Teams und die stets fürsorgliche Betreuung durch ein Team mit hoher Kompetenz, was die Sogwirkung ausmacht“, sagt Telis-Teamchef Kurt Ring zum Ganzen. Das Ganze passt nicht so recht zum programmatischen Denken des DOSB, der seine Leistungszentren eher gerne an den Olympiastützpunkten sieht. Der ist in München und dort steht eine supermoderne Leichtathletikhalle.

Boch Ramdane Koller Dattke Ring DM 10000m 2017 Augustin FotoDass das so ist, mussten die Bundeskader im Regensburger Laufteam bereits im Frühjahr 2014 zur Kenntnis nehmen. Weil das RFZ (Rückenzentrum Regensburg) in Sachen Skisport Außenstelle des OSP München war, konnten Bundeskaderathleten dort auch die Physiotherapie und Leistungsdiagnostik in Anspruch nehmen. Weil das in Augen des OSP-Leiters Klaus Pohlen nicht mehr so sein sollte, sollten die Regensburger samt ihres ehrenamtlichen Coaches Knall auf Fall nach München umziehen oder zumindest wöchentlich zur Physiotherapie anreisen. Die Regensburger haben die in ihren Augen unsinnige Aktion bleiben lassen und sich mit ihren Partnern in der Domstadt selbst arrangiert. Da man in der Stadt die Leistungen der Telis-Truppe erkannt hat, werden sie 2020 auch noch eine Leichtathletikhalle bekommen.

Auch die Geschichte von Miriam Dattke passt da ganz gut dazu. Ursprünglich in Berlin von Verbandsseite dem dort einsteigenden Bundestrainer André Höhne zugewiesen, wurde daraus keine glückliche Verbindung. Die trainingsmethodischen Eingriffe trieben die Athletin in eine Verletzungsserie und bauten gehörig Frust bei ihr auf, dass sogar der Gedanke ans Aufhören im Hinterkopf immer stärker wurde. Irgendwie entstand dann eine Verbindung nach Regensburg. Miriam kam, sah das Umfeld und wollte sofort wechseln, obwohl sie eigentlich noch in Berlin Abitur machen musste. Fernbetreuung für eine Jugendliche, wenn auch nur für ein Jahr, da musste selbst Trainerurgestein Kurt Ring erst einmal kurz durchschnaufen. Die beiden haben es gepackt, auch „dank eines Berliner Schulsystems, das viel flexibler und athletenfreundlicher wie der DOSB und der DLV zusammen ist“, sagt dazu der Coach. Jetzt sind beide glücklich, dass sie endlich unter optimalen Bedingungen arbeiten können.

Auch die Geschichte von Dominik Notz hört sich ähnlich an. Nachdem bekannt wurde, dass der Schwarzwälder nach einem vierjährigen USA-Stipendium wieder nach Deutschland zurückkehren würde, nahm Bundestrainer Höhne Kontakt mit ihm auf und wollte ihn von einem Transfer nach Wattenscheid überzeugen. Dort sollte er Sparringspartner von EM-Kandidat Hendrik Pfeiffer werden. Gleichzeitig hatte Dominik Notz ein Gespräch mit der Regensburger Teamleitung. Nach nur dreißig Minuten im Erfurter Stadion, in dem gerade die Deutschen Meisterschaften abliefen, fand der junge Mann das Regensburger Modell besser. Wenn ein Schwarzwälder Junge „das hört sich gut an“ sagt, kommt das einer Zusage gleich. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass die Lobbyarbeit seines schwäbischen Laufkumpels Simon Boch wohl eine große Rolle gespielt hat.

Reng Heim Harrer1 Dattke DM10km2017 KiefnerfotoApropos Simon Boch. Den hat’s damals vor fast drei Jahren vom Olympiastützpunkt Stuttgart reingeschneit. Dort wäre das Talent wegen fehlender „seelischer“ Umfeldfaktoren fast eingegangen und es bedurfte in der bayerischen Donaumetropole viel Zuwendung aus dem stets kränkelnden und partout immer verletzten jungen Läufer etwas Passables zu machen. „Die Regensburger sind häufig verletzt“, wird gerne in der Szene kolportiert, was so nicht stimmt, weil einige hier schon als „körperliche Fragmente“ ankommen „und wir sie erst mühsam wieder zusammenbasteln müssen“, wie Kurt Ring in seiner oft drastischen Darstellungsweise auf ein in seinen Augen bestehendes Missverständnis hinweist. Als Bochs Seele und Körper dann im Einklang waren, ist der Athlet in diesem Jahr geradezu explodiert.

Die Profile, Möglichkeiten und Meriten des Telis-Teams auch mit seinen Außenstellen wie der beiden Orths, Thea Heim in München, der Olympiastarterin Anja Scherl oder den beiden 800m-Assen Benedikt Huber und Stella Kubasch aufzuzeigen würde nun wirklich zu weit führen. „Wir wollen ihnen alle helfen, sich ihre sportlichen Träume erfüllen zu können auf dem Weg vom talentierten Jugendlichen zu einem wertvollen Mitglied unserer Gesellschaft. Wir fordern keine Medaillen oder Erfolge. Jeder hat so seine eigene interessante Geschichte und am Ende bekommen wir meist viel mehr zurück, als wir uns in den kühnsten Träumen erhofft haben. Brauchen die jungen Leute neue Bausteine für ihr zukünftiges Leben, helfen wir ihnen, diese zu finden“, sagt Kurt Ring zur Philosophie der Regensburger. Und wohl gemerkt, das „Nest“ ist im Vergleich zu den anderen deutschen Laufstützen schon lange auf dem Weg zum veritablen Leistungsstützpunkt, keine Joggertruppe, auch wenn die Medaillen an der nicht explizit gefordert werden. Vier Olympiateilnahmen in London und Rio und zwölf EM-Teilnahmen in den letzten 5 Jahren sprechen eine deutliche Sprache, die fast hundert nationalen Titel gar nicht mitgezählt.

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