Ein Kommentar von Kurt Ring

Regensburg, 21. November 2017 (Ring) – „Hindernis-Weltklasseläuferin Gesa Felicitas Krause ist am Samstag auf dem Verbandstag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes in Darmstadt als erste Athletin mit dem DLV-Ehrenschild ausgezeichnet worden. Damit wurde die Haltung der Frankfurterin im Finale der Weltmeisterschaften im August in London gewürdigt. Die WM-Dritte von 2015 war unverschuldet zu Sturz gekommen, gab aber nicht auf und kämpfte sich noch als bemerkenswerte Neunte ins Ziel.“ Diese Meldung postete hessenschau.de am 18. November im Netz. Eine scheinbar außergewöhnliche Aktion einer Sportlerin, von den Medien via dramatische Livebilder einem Millionenpublikum am Fernseher näher gebracht.

Wirklich außergewöhnlich? - bei nüchterner Betrachtung eben nicht. So ein Verhalten zeichnet die meisten Leistungssportler aus. Solche Stürze passieren hunderte Mal in einer Leichtathletiksaison, oft verborgen von jeglicher Berichterstattung, oft aber auch vor laufenden Kameras. Allein die Geburt eines Helden war dann eben in der jeweiligen Berichterstattung nicht vorgesehen. Drei Beispiele aus meinem ganz persönlichen sportlichen Umfeld mögen als Beweis für diese These gelten, passiert allesamt auf internationaler Ebene.

Europameisterschaften in Helsinki 2012. Im 1500m Finale der Männer liegt Florian Orth eingangs der letzten Runde in guter Position. Das Rennen ist langsam, alles läuft auf eine Spurtentscheidung hinaus. Als diese zweihundert Meter vor dem Ziel kulminiert, geraten Orth und der Österreicher Vojta in aussichtsreicher Medaillenposition aneinander und stürzen. Weit hinter dem Feld traben beide als Vorletzter und Letzter über die Ziellinie. Der Regensburger wird nach dem Rennen noch lange ärztlich versorgt.

Crosslauf-Europameisterschaften in Samokow 2014: U23-Athlet Jonas Koller hat sich mit überragenden Leistungen für die deutsche Juniorenmannschaft qualifiziert. Die Bedingungen im bulgarischen Hochland sind Athleten feindlich: kalt, windig und viele vereiste Stellen auf der Strecke. Als der Regensburger im U23-Rennen nach zirka der Hälfte des Rennens auf die erweiterte Spitzengruppe auflaufen will, holt ihn ein Konkurrent von den Beinen. Koller stürzt schwer auf eine Eisplatte. Eine klaffende Wunde am Knie legt seine Patellasehne frei, ein Weiterlaufen ist unmöglich. Die Rückreise tritt er im Rollstuhl an. Der ruhige junge Mann hegt weder Zorn, noch Schuldzuweisungen. Er ist einfach nur fertig mit der Welt. Die Folgen: Eine mehrmonatige Reha und der Verlust der gesamten Vorbereitung für die nächste Saison.

Team-EM 2015 in Cheboksary: Es geht noch grausamer. Corinna Harrer liegt gut im 1500m Rennen der Frauen. Zwei Runden vor Schluss im taktischen Gewühl der zwölf Läuferinnen passiert etwas, was kaum einer in diesem Moment bemerkt. Der Soleusmuskel in ihrer rechten Wade reißt fast gänzlich ab, die Schmerzen sind riesig. Sie beißt auf die Zähne. Sie, die starke Finisherin, humpelt als Sechste über die Ziellinie und bricht dann zusammen. Klaus-Peter Poschmann am ZDF-Mikro ahnt sofort Schlimmes. Die Reha dauert nach Aussage aller Ärzte 500 Tage, die vollständige Wiederherstellung ist ungewiss. Weitgehend im Verborgenen kämpft sie 2016 vergeblich und verbissen um ihre Olympiachance. Erst 2017 läuft’s wieder. Die Rückkehr zu ihren geliebten 1500m ist unmöglich, im rechten Fuß fehlt dafür die absolute Schnellkraft. Dennoch kehrt sie nun in die nationale Spitze auf der Langstrecke zurück. Sie hat Tokio 2020 vor Augen und drei schreckliche Jahre hinter sich.

Gesa Felicitas Krauses Sturzfolgen sind minimal. Schon kurze Zeit später läuft sie beim Berliner ISTAF deutschen Rekord über die 3000m Hindernis. Kein Experte kann sagen, dass sie in London eine Medaille verpasst hat. Wäre sie Vierte oder Fünfte geworden, wäre der PR-Wert weit geringer ausgefallen als beim medienträchtigen Sturz. Die Athletin selbst trifft keine Schuld, sie hat nur getan, was jeder anständige Sportler in so einer Situation macht, sofern er das Glück hat, noch dazu in der Lage zu sein. Sie ist ins Ziel gelaufen, unter Wert und wohl frustriert. Auch die Medien mag man entschuldigen. In diesen jetzigen Zeiten muss der Mainstream ganz einfach beachtet werden: Im Klartext, solche „Dramen“ lassen sich trefflich ausschlachten.

Die Damen und Herren des DLV-Präsidiums hatten jedoch genügend zeitlichen Abstand, das Geschehen, wie in diesem Artikel ansatzweise versucht, zu relativieren. Wie die Sachlage zeigt, war Krauses Verhalten keineswegs außergewöhnlich, eher normal für eine faire Sportsfrau. Das Ehrenschild des DLV soll eine außergewöhnliche Ehrung sein, schon gleich wenn es zum ersten Mal an eine/n Athleten/In verliehen wird. Daran sollten auch Funktionäre denken, wenn sie wieder mal vom Mainstream benebelt vorschnelle Entscheidungen ohne Hintergrundrecherche treffen. Gesa Felicitas Krause mag es mir verzeihen. Die Kritik trifft nicht sie, sie hat sich einfach nur vorbildlich und sportlich fair verhalten, wie hunderte Sportler auch, meist im Verborgenen, manchmal sogar vor laufenden Fernsehkameras.

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