Wenn Funktionäre unangenehme Dinge nicht zu Ende denken

DattkeMiriam2 DM10000m2017 Hensel FotoRegensburg, 3. Februar 2018 (Ring) - Der Weltverband IAAF hat am Mittwoch in seinem Newsletter einen kuriosen Doping-Fall veröffentlicht: Die erst 18-jährige Niederländerin Jasmijn Lau wurde am Tag ihres U20-EM-Titels über 5.000 Meter disqualifiziert – ohne dass ihr ein Fehlverhalten vorgeworfen wurde. Auch wenn sie selbst noch keine Informationen dazu erhalten hat: Die Disqualifikation an Tag X, dem 23. Juli 2017, dürfte bedeuten, dass die Läuferin ihre Goldmedaille von Grosseto verliert – obwohl sich der Zeitraum ihrer Disqualifikation tatsächlich nur auf diesen einen Tag beläuft und keine weitere Sperre ausgesprochen wurde. "Das mag schade sein, aber das macht mir nichts aus", sagt Jasmijn Lau, "ich weiß, dass ich an diesem Tag die Schnellste war." Eine Sekunde Vorsprung hatte die Niederländerin im 5.000-Meter-Finale auf Miriam Dattke (LG Telis Finanz Regensburg). Diese erhielt bei der Zeremonie in Grosseto für 16:39,81 Minuten die Silbermedaille. Gut möglich, dass sie sich in Kürze U20-Europameisterin nennen darf.

Genau diese Nachricht war gestern auf den Seiten von leichtathletik.de zu lesen. Was eigentlich bei Miriam Dattke Freude auslösen hätte können, erzeugte letztendlich nur Tränen und tiefe Enttäuschung bei der jungen Regensburgerin. Die Disqualifikation der Niederländerin noch vor Öffnung einer B-Probe ist schon ein starkes Stück. Dies Monate nach dem Event über den Newsletter eines fremden Verbandes (IAAF) – Veranstalter der Europameisterschaften ist eigentlich der Europäische Verband EAA – publik werden zu lassen ein noch stärkeres. Wenn betroffene Athleten davon unvorbereitet lesen, bricht eine Welt zusammen. Eigentlich hätte Miriam Dattke der größte Moment ihrer bisherigen Karriere, die Siegerehrung mit Fahne und Hymne vor versammeltem Publikum zugestanden. Letztendlich wurde sie darum betrogen und erfährt es Monate später über ein öffentliches Medium und die Sachlage ist weiterhin ungeklärt.

Liebe Funktionäre, könnt ihr solche Fälle nicht in angemessener Form vollständig abschließen, zeitnah zum Event zu endgültigen Entscheidungen kommen, die betroffenen Verbände der betroffenen Athleten(Innen) dann verständigen, dass die zunächst die betroffenen Athleten/Innen vorab intern verständigen und dann eine gemeinsame Presseerklärung mit den Statement der beteiligten Sportler herauszubringen? Wie respektlos geht ihr eigentlich mit den Gefühlen junger heranwachsender Sportler um. Man kann durchaus zur Ansicht kommen, dass diese für euch nur Ware sind. Es kommt ja immer wieder neue nach.

Mag nun einer sagen, Pech gehabt, so etwas mit einer nachträglichen Annullierung eines Ergebnisses kommt nur alle hundert Jahre einmal vor. Leider ist die Realität eine andere, was allein die Tagesnews von leichtathletik.de am gestrigen Tag beweisen. Auch Ariane Friedrich hat wohl via Medien erfahren, dass sie sich nun Vizeweltmeisterin 2009 nennen kann. Die dazugehörige Medaille wird wohl Monate später per Post auftauchen. Woher ich das weiß? Weil es im Fall von Corinna Harrer Jahre später nach ihrem Bronzemedaillengewinn bei der U23-EM 2011 nicht anders war. Zuerst las man die Meldung und irgendwann kam dann die dazugehörige Silbermedaille nach.

Was diese „Ehre“ noch wert ist, zeigt allein die Tatsache, dass betroffene Sportler in der Regel bei öffentlichen Nennungen allein mit dem Rang vom Zeitpunkt der Meisterschaften dekoriert werden. So bleibt Corinna Harrer eben in den Gazetten nur die Halbfinalistin von London 2012, obwohl sie nach jetziger Rechtslage eindeutig das Finale erreicht hat und dort zumindest Platz zwölf belegt hätte. Alles andere wäre zwar wahrscheinlich aber eben fiktiv gewesen, sogar vielleicht der Angriff auf eine Medaille, weil eben das Finale ohne die damals (betrügerischen) Besten ganz anders gelaufen wäre. Nach heutiger Diktion muss Corinna Harrer ohne Wenn und Aber Finalistin des olympischen 1.500m Rennens von London 2012 sein. Dafür der Athletin auch im Nachhinein persönlich und öffentlich zu danken, wäre eigentlich eine Verpflichtung für die zuständigen DLV-Funktionäre.

Ein Paradestück von fehlerhaftem Funktionärsverhalten ereignete sich im unmittelbaren Vorfeld der Olympischen Spiele 2016. Die IAAF wollte die Meldeliste für den 1.500m Lauf der Frauen analog einer von ihr noch nicht definierten Weltrangliste um einige Athletinnen erweitern. Ein übereifriges DLV-Nominierungsgremium schnappte sich einfach eine Liste und nominierte zwei Athletinnen nach, darunter auch Maren Kock von der LG Telis Finanz. Einen Tag später schickte man die Regensburgerin zur Olympia-Einkleidung nach Hannover um ihr wieder einen Tag später mitzuteilen: Alles war nur ein Irrtum. Maren Kock musste zu Hause bleiben, weil DLV-Funktionäre die falsche Rangliste verwendeten und IAAF-Funktionäre sich zu fein waren, vorab vollständige Informationen weiterzuleiten. Zurück blieb eine Topathletin mit gebrochenem Herzen, die bis zu ihrem Rücktritt 2018 nie mehr richtig auf die Beine kam.

Zurück zum Fall von Miriam Dattke. Es ist richtig, dass die niederländische Gewinnerin des Laufes disqualifiziert werden musste. Sie hatte zum Zeitpunkt des Rennens eine nach den internationalen Anti-Dopingbestimmungen verbotene Substanz in ihrem Körper. Laut der Bestimmungen der WADA ist es „die persönliche Pflicht eines jeden Athleten, dafür zu sorgen, dass keine verbotene Substanzen in seinen Körper gelangen. Athleten sind für jede verbotene Substanz oder ihre Metaboliten oder Marker verantwortlich, die in ihrer Probe gefunden werden. Demzufolge ist es nicht erforderlich, dass Vorsatz, Verschulden, Fahrlässigkeit oder bewusster Gebrauch auf Seiten des Athleten nachgewiesen wird, um einen Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen zu begründen.“ Da es sich im Falle von Jasmijn Lau wohl um eine persönliche Fahrlässigkeit ohne Vorsatz gehandelt haben mag, sind die Sanktionen mit einer Disqualifikation für diesen einen Tag des Finales sehr milde ausgefallen.

Zu wünschen wäre es allerdings gewesen, wenn die zuständigen Funktionäre den Vorgang mit einem nachträglichen endgültigen Resultat zu Ende gedacht hätten und die Öffentlichkeit erst nach in Kenntnis Setzung der betroffenen Athletinnen verständigt hätten. Bei allem Verständnis für die komplizierten Regelabläufe bei Regelverstößen in Sachen Doping mag man daran zweifeln, dass sowas über ein halbes Jahr dauern muss und dann noch nicht mal abgeschlossen ist. Die Reihenfolge der nötigen Abläufe gibt eigentlich schon der gesunde Menschenverstand vor. So wartet nun eine total verunsicherte Miriam Dattke auf Dinge, von denen sie vor Tagen noch nicht einmal etwas wusste.

Kurt Ring, Teamchef der LG Telis Finanz und Trainer von Miriam Dattke formuliert das in einer Forderung: „Wir werden zu Beginn der nächsten Woche den DLV beauftragen, den Sachverhalt in einer Anfrage bei der EAA und der IAAF zu Ende zu bringen, um den Erfolg Miriam Dattkes bei den U20-Europameisterschaften 2017 in Grosseto einordnen zu können, notfalls sogar mit Unterstützung eines Anwalts für Sportangelegenheiten. Ebenfalls wollen wir geklärt bekommen, wie sich unsere Athletin Corinna Harrer im finalen Ranking des olympischen 15.00m Laufes von London 2012 einreiht. Es gibt ja nun nicht nur Medaillennachrücker, sondern auch Platznachrücker. Frau Harrer hätte auf Grund der jetzigen Kenntnisse in den Folgejahren eine wesentlich bessere Fördereinstufung erreicht und damit im Nachhinein messbaren Schaden erlangt.“

 

Newstelegramm

Berlin, 07.-12.08.18
Europameisterschaften Berlin 2018
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Walldorf, 04.-05.08.18
Süddeutsche Meisterschaften U23/U16
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Rostock, 27.-29.07.18
Deutsche Jugendmeisterschaften U20/U18
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Nürnberg, 21.-22.07.18
Deutsche Meisterschaften + Jgd.-Langstaffeln
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Berlin, 31.-31.12.06
Silvesterlauf Berlin
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