Fragwürdige Nominierungsrichtlinien zerfleischen mögliche Gewinner schon im Vorfeld

Regensburg, 19. Juni 2018 (Ring) - Ein Pyrrhussieg ist ein zu teuer erkaufter Erfolg. Im ursprünglichen Sinne geht der Sieger aus dem Konflikt ähnlich geschwächt hervor wie ein Besiegter und kann auf dem Sieg nicht aufbauen. So wird der Begriff, um den es in diesem Artikel geht, von Wikipedia im Netz beschrieben. Pyrrhussiege feiern seit beginnender Wettkampfperiode deutsche Leichtathleten auf der gnadenlosen Jagd nach den begehrten Normen für die Heim-Europameisterschaften in Berlin. Da will jede/r dabei sein, koste es was es wolle, sogar die eigene Gesundheit. Nur die unangefochtenen Dominatoren deutscher Nation können sich da leisten, sich ruhig vorzubereiten, am Tag X ihre Qualifikationsleistung abzugeben und dann bei der EM topfit in den Wettkampf zu gehen. Die Nominierungsrichtlinien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes lassen diese „Pyrrhussiege“ nicht nur zu, sondern fordern gerade dazu auf.

 

Die Europameisterschaften, auch wenn sie 2018 in Berlin stattfinden, sind eine Veranstaltung der European Athletics Association (EAA), die in ihren „entry standards“ genau beschreibt, welche Anforderungen ein/e Athlet/in erfüllen und in welchem Zeit er/sie das erledigen muss, sofern er unter den besten Drei seiner/ihrer Nation ist. Eigentlich ist das ganz einfach. Nicht so in Deutschland. Wer nicht das Profil „einer erweiterten Endkampfchance“ nachweisen kann, fällt durchs DLV-Raster. Wie eng- oder weitmaschig dieses Sieb ist, kann man in den eigens kreierten Eingangsbestimmungen mit in einigen Disziplinen zum Teil erheblich erhöhten Anforderungen nachlesen. Grundlage jener Arithmetik ist eine komplizierte Berechnungsformel, von der in genauer Form nur der Sportdirektor Auskunft geben kann. Das Auswahlverfahren sieht dabei vor, die Reihenfolge der besten drei Ergebnisse in einem imaginären indirekten Vergleich bei Wettkämpfen mit ganz verschiedenen Umfeldbedingungen während der gesamten Sommersaison vom 1. April bis 22. Juli für die Nominierung zu verwenden.

Was ist die Folge: Eine erbarmungslose Hatz nach der absolut besten Performance, Wettkampf für Wettkampf, Woche für Woche. Die Konkurrenten könnten ja eine Woche später schon ein Hundertstel schneller sein, auch wenn man sie vorher drei Mal und nachher fünf Mal im direkten Vergleich geschlagen hat. Das Wort „Normerfüllung“ beherrscht in weiten Fällen die Berichterstattung, wer wo gewinnt, ist beinahe schon unwichtig. Der Rekord hat in der messbaren Leichtathletik eine vernichtende Rolle eingenommen, weil es eben nicht nur um Welt- und Europarekorde geht, sondern eben in den meisten Fällen um persönliche Rekorde. Der Wettkampf Frau gegen Frau und Mann gegen Mann spielt dabei ebenso eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist im Lauf die Frage, wie gut ist der Tempomacher, im Volksmund auch „Hase“ genannt. Dass es den dann beim eigentlichen Wettkampf nicht gibt, wird dabei in den meisten Fällen gar nicht ins Kalkül gezogen.

Wenn’s eng wird mit der elitären deutschen Norm, wird ganz schnell ein sinnvoller Saisonaufbau über den Haufen geworfen, der nächste Wettkampf ist immer der wichtigste. Dabei wäre alles so einfach: Die internationale Norm der EAA kann erzielt werden, wo auch immer und auch im erheblich erweiterten Zeitraum des internationalen Verbandes, der in den meisten Fällen am 1. Januar des Vorjahres (!) beginnt. Die dann für den internationalen Einsatz qualifizierten Athleten/Innen stellen sich dann Ausscheidungswettkämpfen, die in einem sinnvollen Abstand zum Jahreshöhepunkt (in 2018 eben die EM) stattfinden, weil eine Normerfüllung für den eigentlichen EM-Einsatz, sechs Monate vorher erzielt, keinerlei Relevanz mehr hat, ausgenommen der wegen ihrer langen Vorbereitungszeit anders zu betrachtenden Disziplinen wie Mehrkampf, 50km Gehen und Marathon.

Ein Nebeneffekt wäre die hohe Öffentlichkeitswirkung solcher Trials, weil die nicht so Leichtathletik affinen Fans und Zuschauer den direkten Kampf gegeneinander lieber mögen, auch besser verstehen. Das Argument, ein besonders „Guter“ könnte am Tag der Trials krank oder verletzt sein, zählt wenig. Das kann auch am Finaltag der Europameisterschaften passieren und keiner verschiebt ihn dann um eine Woche nach hinten. Ein weiterer Nebeneffekt wäre, dass sich die Athleten/Innen gezielt auf die wichtigsten Tage der Saison – und das wären dann mit Trials, Deutschen Meisterschaften und dem internationalen Höhepunkt nur drei – vorbereiten können. Körper und Geist könnten während der Trainingsphasen wieder regenerieren. Allein die Meldungen über schwerwiegend Verletzte, die Tag für Tag für Tag über die Medien verbreitet werden, stützen diesen Ansatz. Und selbst eine jener Dominatorinnen für Berlin, Hindernis-Titelverteidigerin Gesa Felicitas Krause, sagt, dass sie jetzt für eine mögliche EM-Höchstform eine Wettkampfpause zur mentalen Regeneration braucht.

Also, liebe DLV-Spitze, jetzt seid ihr gefordert. Wollt ihr weiter auf Verschleiß arbeiten oder endlich eure Schutz befohlenen Athleten/Innen bei der Hand nehmen und sie trotz DOSB-Drohungen in Form der erweiterten Endkampfchance zum Traum eines internationalen Einsatzes führen, auch wenn der bisweilen dann auf dem letzten Platz des Events endet. Einer muss ja Letzter werden, auch dann, wenn es tatsächlich ein/e Deutsche/r sein könnte. Welchen Irrsinn diese nationale Nominierungsrichtlinien-Bürokratie schon erzeugt hat, zeigte sich anlässlich von zurückliegenden Meisterschaften. Die internationale Norm über 110m Hürden der Männer im Vergleich mit der DLV-Norm unterschied sich genau um ein Hundertstel, ohne Einbeziehung des stark Leistung bestimmenden Faktor des Windes. Ein Athlet schaffte dann das Kunststück genau jene international geforderte und nicht die DLV-Norm zu laufen. Man hat ihn dann doch noch mitgenommen, eine echte Basisdiskussion über diesen Unsinn am grünen Tisch hat man aber peinlichst von Funktionärsseite vermieden. Ein Umdenken weg vom indirekten grünen Tisch hin zur direkten Ausscheidung ist eigentlich unumgänglich.

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