Die theoretische Planwirtschaft der Funktionäre lässt das nicht zu

Huber1 DM2018 KiefnerfotoRegensburg, 24. August 2018 (orv) – Benedikt Huber, der dreifache Deutsche Meister der Jahre 2016 bis 2018 und zweifache EM-Teilnehmer 2016/18 hat beim Bundestrainer nachgefragt, in wie weit seine Chancen stehen, nach 2016 ein zweites Mal in den Nationalkader aufgenommen zu werden Wenigstens bezüglich der Physiotherapie an einer Außenstelle des Olympiastützpunktes Bayern und in Sachen Dopingkontrollsystem würden sich für ihn dadurch geringe Vorteile ergeben. Der Bundestrainer meinte, er sehe derzeit kaum Möglichkeiten dafür. Laut der Kaderrichtwerte sei der Regensburger trotz erfüllter EM-Norm mit seinen 29 Jahren zu alt. Die Tabelle der Kaderrichtwerte ist progressiv eingerichtet. Die jüngeren Jahrgänge erhalten nach dem Übergang aus der U20 gegenüber dem absoluten Kadereingangswert, erreicht im 25. Lebensjahr, einen Zeitbonus, der dann von Jahr zu Jahr weniger wird. Der absolute Wert liegt bei 1:45,20min, einer Zeit, die bei allen Olympischen Spielen selbst unter verschärften DLV-Bedingungen für die Qualifikation gereicht hätte.

So pumpt man denn Jahr für Jahr das Hoffnungspotential Jugend nach, ohne dabei Wirkung erzielen zu können. Im letzten Jahr gab es im Führungsstab Lauf beim Betreuungsstab auch so eine Art Verjüngungskur, weniger weil die bisherigen Trainer schlecht gearbeitet hätten, vielmehr deshalb, weil einige der Altgedienten einfach die Altersgrenze erreicht hatten beziehungsweise nicht bereit waren, in die vom Sportdirektor geforderte Hauptamtlichkeit zu wechseln.

Natürlich wird so ein neuer Stab Visionen für ein „Besser“ haben, er muss es sogar. Wie sagt man so schön: Neue Besen kehren gut. Gelungen ist das in diesem Jahr nicht. Für die Kaderbildung auf der klassischen Mittelstrecke ergeben sich denn auch erhebliche Probleme, weil sich laut Kaderrichtwerte einfach nicht mehr genügend Läufer anbieten, um einen vernünftigen Kader bilden zu können. Die „Wildcart“ wird fröhliche Umstände feiern, dem Ermessensspielraum des Bundestrainers kommt dann hohe Bedeutung zu.

Schauen wir uns einmal die Bestenliste 2018 an. Im Feld der Top-11 befinden sich drei 1.500m Spezialisten, deren 800m Zeiten eher unter dem Begriff Zubringerleistung zu sehen sind, zwei davon waren für die EM qualifiziert, Timo Benitz schaffte mit Platz 7 im EM-Finale sogar zwei der begehrten Nationenpunkte. Bezüglich der EM schaute die Situation auch über 800m in diesem Jahr gar nicht so schlecht aus. Immerhin konnten alle drei Plätze mit erfüllter Norm besetzt werden.

Dass dann alle deutschen Vertreter in den Vorläufen ausschieden, ist wieder eine ganz andere Sache. Beim zweiten Blick in die Bestenliste fällt aber schon auf, dass die markanten Entwicklungssprünge bei keinem der Athleten zu vermelden waren. Stagnation machte sich mehr oder weniger breit, auch bei den Jungen, trotz massiver Neuansätze wie den Höhenketten und einer spürbaren Konzentration beim Bundestrainer.

In harten Zahlen: Von den 11 besten deutschen 800m Läufern erfüllen nur mehr einer die Norm für den Perspektivkader und nur noch zwei ganz knapp jene für den U23-Nachwuchskader. Sollten sie sich im nächsten Jahr nicht zumindest ein wenig steigern können, sind auch sie ohne Norm. Das führt nun zur Gretchenfrage: Ist der theoretische Kaderrichtwert falsch, oder war die Hinführung zur Topleistung eine mangelhafte, oder haben es die Jungs einfach nicht drauf?

Dies zu klären ist nicht Sache des Betrachters, sondern allein in Händen der für diese Struktur Verantwortlichen. Von einer Annäherung an die Weltspitze sind jedenfalls Deutschlands 800m Läufer nach wie vor weit entfernt, auch wenn der diesjährige Erste der Bestenliste, Marc Reuther, in voller Überzeugung seiner Fähigkeiten meinte, er wolle unter 1:45 Minuten bleiben und eine Medaille bei den Europameisterschaften gewinnen. Letztendlich ist er nicht einmal Deutscher Meister geworden und vermutlich am meisten am Druck seiner eigenen Erwartungen gescheitert.

Wenn denn schon etwas methodisch erreicht werden soll, sollte der Kader aus den besten Deutschen, unabhängig ihres Alters, gebildet werden. Konkurrenz belebt das Geschäft. Wer in die Weltspitze will, muss wohl anfangen, sich mit ihr zu messen. Weil Deutschlands 800m-Läufer derzeit nicht das Potential haben, in die entsprechenden Rennen reinzukommen, ist wohl der Ansatz eine Stufe tiefer eher machbar. Auch da wird Hilfe vom Verband vonnöten sein. Vornehm als DLV sich zurückzuhalten nach der Devise „nun macht mal ihr Manager“ ist dabei keine Lösung. Es gibt genügend Möglichkeiten, Formate zu suchen, die den Läufern weiter helfen.

Die Briten haben das schon längst erkannt. Bestes Beispiel für eine noch stärkere Krisenstrecke, den 10.000m, ist der auf der Insel neu gestaltete Europacup. Wie wär’s denn mal mit dem Vorstoß, zumindest drei oder vier Renntage auf europäischer Ebene auch für die 800m Leute, und nicht nur für diese, als Europacup anzustoßen. Das kann dann ruhig auch mit Vorlauf samstags und A/B-Endläufen sonntags sein. Es würde zudem die Wettkampfhärte erhöhen. Was nützt schon eine 1:45,24 eines Marc Reuther in einem optimal Tempo gestalteten Rennen, wenn sich deutsche Läufer im Kampf gegen internationale Konkurrenz nicht durchsetzen kann?

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Berlin, 31.-31.12.06
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