Vom Umgang der Verbände mit ihren eigenen Regeln

Reng2 DM Marathon17 Kuesters FotoTatort Diamond league: Das Lieblingskind der IAAF lebt von permanenten Höchstleistungen Topzeiten und dem permanenten Angriff auf bestehende Weltrekorde. Dies ist im Bereich der Mittel- und Langstrecken nur möglich, wenn Pacemaker eingesetzt werden können, die den Rekordaspiranten bei der Hatz nach Höchstleistungen die ersten Runden mit dem idealen Tempo erleichtern. Eigentlich geben die Regeln der IAAF das gar nicht her, zumindest was Leistungen anbelangt, die für die Qualifikationen für internationale Titelkämpfe herhalten sollen. Inzwischen wird aber auch die Qualität anderer Meetings daran gemessen, ob adäquate Tempomacher vorhanden sind. Was mit dem finanziellen Background von internationalen Topmeetings leicht zu bewerkstelligen, kleineren Veranstaltern aber auf Grund ihres begrenzten Budgets fast unmöglich ist, ist die Bestückung der Pacemaker in Frauenrennen durch adäquate Tempomacherinnen. Betrachtet man die Qualifikationsleistungen der Läuferinnen bei den entsprechenden Titelkämpfen, wurden diese zu beinahe hundert Prozent in Rennen mit Pacemaker/Innen erzielt. Bei Straßenrennen ist dieses Problem noch prekärer, weil dort gemischte Rennen mit Männern laut Regelwerk von vornherein zulässig sind und gerade im Marathon die Spitzenläuferinnen bei den großen Stadtmarathons von einer Armada von männlichen Tempomachern umgeben sind, die die entsprechende Topläuferin dann fast bis ins Ziel begleitet, anfeuert und motiviert.

Nimmt man sich nun die entry standards für internationale Bahn-Langstrecken zur Hand, liest man folgende Sätze: “Performances achieved in mixed competitions in track events will not be accepted. Exceptionally,in accordance with IAAF Rule 147, performances achieved in events of 5000m and 10,000m may be accepted in circumstances where there were insufficient athletes of one or both genders competing to justify the conduct of separate races and there was no pacing or assistance given by an athlete(s) of one gender to an athlete(s).” Frei übersetzt heißt das: In extrem dünnbesetzten Frauenrennen kann gemischt gelaufen werden, sofern nicht Tempo gemacht wird. Die Beurteilung, was nun gültig oder nicht gültig ist, liegt im nachträglichen Ermessen des internationalen Veranstalterverbandes (hier im Beispiel die EAA). Sicherheit für die Athletinnen sieht anders aus. Verschärft wird die Problematik dadurch, dass es gerade auf den Langstrecken in Europa nur ganz wenig reine Frauenrennen gibt, die das Tempo für Qualifikationszeiten hergeben. Dies ist bei den internationalen „entry standards“ noch eher zu verkraften, da zumindest der Qualifikationszeitraum auf meist eineinhalb Jahre ausgedehnt ist. Nicht so der DLV bei seinen nationalen Nominierungsrichtlinien: Für die Qualifikation über 10.000m der weiblichen U23 für die U23-EM in Gävle beträgt der Zeitraum ziemlich genau nur drei Monate (1.3.-8.8.2019). Im Angebot für die jungen deutschen Aspirantinnen stehen dann meist ein mangels adäquater gleichgeschlechtlicher Konkurrenz völlig ungeeignetes Rennen bei den jeweiligen Landesmeisterschaften oder eben die nationalen Titelkämpfe am letzten Tag des Qualifikationszeitraumes (8.6.) in Essen zur Verfügung.

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen 10km auf der Straße und 10.000m auf der Bahn? Er ist kaum erkennbar bis unbedeutend. Trotzdem werden die beiden Wettbewerbe von den Funktionären wie völlig artfremde Angelegenheiten behandelt. Was über 10km auf der Straße gar nicht anders vorstellbar ist und als gemischtes Rennen explizit erwünscht wird, ist auf der Bahn verboten, weil ein altes Regelwerk dies so vorsieht. Dabei gibt es eine einfache Möglichkeit jenen Nachteil für die Bahnläuferinnen mit einem Federstrich zu eliminieren. Man muss die IAAF Rule 147 einfach nur streichen. Was hindert eigentlich dran dies zu tun? Die Regel ist eh schon weitgehend aufgeweicht: Schon längst zählen Leistungen aus gemischten Rennen für die Bestenlisten oder für die Teilnahme bei Deutschen Meisterschaften. Der letzte kleine Schritt in die richtige Richtung muss jetzt einfach nur per Antrag an die EAA/IAAF vollzogen werden, natürlich mit der entsprechenden Ausdauer versehen, dies à la longue durchzusetzen.