… und wenn sie wahr werden

Regensburg, 17. Juni 2016 (orv) – Blaue Träume, in Regensburg haben solche zumindest bei den Leichtathleten etwas mit den gehobenen Leistungszielen und mit der Farbe der Trikots des erfolgsverwöhnten Laufteams der LG Telis Finanz zu tun. Dabei träumen einige nicht nur von nationalen Medaillen, sondern immer mehr von Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, bei denen sie dabei sein wollen. Der Traum mit den fünf Ringen war für Marathonläufer Philipp von jeher ein „Kindheitstraum“, der immer in ihm lebte, seitdem er als Jugendlicher  vor 15 Jahren die Lauferei begonnen hatte. Beinahe wäre es auch ein Traum geblieben, trotz seiner phänomenalen 2:12:50 Stunden auf der längsten olympischen Strecke an jenem 27. September des letzten Jahres auf den Straßen von Berlin.

Erst als der internationale Leichtathletik-Verband im November mit dem Vorwand schwindender Teilnehmerzahlen bei den gerade zurückliegenden Weltmeisterschaften die Normen senkte und wohl den beginnenden Schwelbrand in Sachen Doping im Hinterkopf hatte, war plötzlich der Fahrstuhl zum Olymp so nah wie nie zuvor. Lediglich der nationale Verband zögerte, zog aber dann mit der Angleichung der nationalen an die internationalen Richtwerte nach und da war er frei, der Sitzplatz auf Wolke sieben Richtung Rio 2016. Ein Traum war wahr geworden und inzwischen hat der Mann von der LG Telis Finanz alle zusätzlichen Hürden mit einem weiteren Leistungsnachweis im Frühjahr und der ganz offiziellen Nominierung durch den DOSB genommen.

Als Philipp Pflieger schon Licht am Horizont sah, beschäftigte sich seine Teamkollegin Anja Scherl gerade mit ihrem kleinen Traum von erster  Internationalität. In Köln hatte sie im Oktober des vergangenen Jahres die B-Norm für das Halbmarathon-Europacupteam des DLV bei den vom 6.-10. Juli 2016 stattfindenden Europameisterschaften in Amsterdam unterboten, was letztendlich dann auch gereicht hätte. Da man aber als Dreißigjährige nicht mehr sooft die Chance auf den Adler auf der Brust hat, wollte sie im Februar, genau am Valentinstag dieses Jahres in Barcelona nachlegen. Nun fährt sie in der deutschen Poleposition mit einer erneut erstaunlichen Steigerung auf 1:11:17 Stunden bei deutlicher Erfüllung der A-Norm nach Holland und nimmt gleich ihre blutjunge Teamkollegin Franzi Reng mit. Die vollbrachte in jenem Februarrennen in Barcelona in ihrem allerersten Rennen überhaupt über die 21,1km Distanz eine weitere Sensation und kam ebenfalls als zweitbeste Deutsche hinter Scherl mit A-Norm und der EM-Fahrkarte ins Ziel. Über ihren ganz speziellen Traum hatte sie im Vorfeld nichts gesagt, es wäre zu verwegen gewesen.

Und weil es so schön lief, dies auch den Bundestrainern auffiel, reifte in Anja Scherls Vorstellungen auch der olympische Traum. Man kann es ja mal probieren. Am 16. April versetzte sie dann in Hamburg mit nie für möglichen gehaltenen 2:27:50 Stunden beim Hamburg Marathon das gesamte Telis-Team in einen Freudenrausch und plötzlich hatte Philipp Pflieger eine Beifahrerin aus der eigenen Mannschaft. „Unglaublich, zwei der sechs Rio-Fahrer aus unseren Reihen und drei nach Amsterdam noch dazu, ich bin einfach nur sprachlos“, frohlockte Telis-Teamchef Kurt Ring über solche Traumverwirklichungen seiner Blauen.

„Fliegt nach Kalifornien, nach Palo Alto, da gibt es am 1. Mai schnelle 5000m, vielleicht geht da etwas“, ging nun seine Ansprache an Maren Kock und Florian Orth. Deren Träume waren schon lange olympisch gefärbt, vor allem weil Florian schon 2012 die Voraussetzungen erfüllt hatte, bloß damals ein paar Wochen zu spät nach den Olympischen Spielen von London, wo dessen Teamkollegin Corinna Harrer sich als damalige Halbfinalistin und nach jetzigem Stand Olympiasechste bereits in einen Fünf-Ringe-Rausch gelaufen hatte, damit zeigte, dass solche extraordinären Träume auch in der Domstadt wahr werden können. Nun, Maren rauschte in den kalifornischen Gefilden mit 15:24,73 Minuten sowas von knapp, genauer gesagt 73 Hundertstel an der Rio-Norm vorbei, für Amsterdam aber reicht diese Zeit immer noch dicke. Für Florian war das Ganze „ein Satz mit X, es war wohl nix“, wie er enttäuscht zu Protokoll gab. Inzwischen hat er neben Pflieger und Scherl im Transrapid zum Zuckerhut Platz genommen, weil es im belgischen Oordegem am 28. Mai mit einer großartigen Zeit von 13:23,67 Minuten dann doch noch klappte mit dem Doppelticket für Rio und Amsterdam. Er ist zwar noch nicht dafür nominiert, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Zeit aber nicht reichen sollte, geht inzwischen gegen Null.

Für Lebensgefährtin Maren Kock sollte sich die weitere Träumerei vor allem mit den fünf Ringen zu kleinen Albträumen entwickeln. Die gewünschten Sollwerte 4:09,00 (EM) und 4:07,00 (Olympische Spiele) wollen einfach nicht fallen und das Ganze wird ein wenig zum Trauma, obwohl sie mit Amsterdam schon fast sicher rechnen kann. Klappt es nun bei der DM in Kassel nicht, wo sie als Titelverteidigerin antritt, bleibt nur noch das kleine Zeitfenster bis zur EM oder eben das 5.000m Rennen in Amsterdam im verflixten Kampf um die dann 73 Hundertstel auf der eher weniger geliebten Distanz. „Ich blende jetzt mal die gesamte Normenhatz aus und freue mich auf Kassel. Vielleicht  klappt es da dann doch und ich kann nebenher meinen Titel verteidigen“, bleibt die Regensburgerin cool und räsoniert.

Und noch einer träumt, von dem man im letzten Jahr gar nicht wusste, dass er zu solchen Dingen eigentlich einen veritablen Anspruch haben dürfte. Benedikt Huber, der 800m Mann der LG Telis Finanz, ist aber ein strategisch denkender Mensch. Ohne Kaderzugehörigkeit hat der in Palling am Chiemsee lebende Modellathlet sich schon frühzeitig bei der NADA für Trainingskontrollen angemeldet, weil man das braucht, wenn man international dabei sein will und auch die Hürde der sportärztlichen Untersuchung am OSP München hat er hinter sich. Der 27-Jährige, der ein Viertel seines beruflichen Einkommens seit Jahren für seinen ganz speziellen Traum opfert, weil bei Leichtathleten selten Sponsoren vor der Tür Schlange stehen und man anderseits mit 40 Arbeitsstunden in der Woche sportlich weniger gut träumen kann, hat sich inzwischen in enger Zusammenarbeit mit dem „Regensburger Mutterhaus und dessen Coach Kurt Ring“ bis auf 7 Hundertstel der EM- und sogar 57 Hundertstel der Olympianorm genähert und ist noch immer nicht in der Wachphase. Gut möglich, dass auch er noch zu Pflieger, Scherl, Orth oder vielleicht auch Kock hochklettert, was wiederum eine Sensation wäre. Zumindest für die Blauen und deren Anhänger.

Corinna Harrer, die bereits Olympiagesegnete,  sieht ihren Neubeginn, nachdem sie 2014 und auch 2015 verletzungsbedingt aussetzen musste, so: „Die Deutschen Meisterschaften finden am Sonntag genau ein Jahr nach meinem schweren Achillessehnen- und Soleusmuskelabriss statt und sind für mich nach zwei Jahren ohne Teilnahme an der DM ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Nach so langer Abstinenz ist es schwierig, Ziele zu formulieren aber ich bin angriffslustig und motiviert. Meisterschaften schreiben eben auch ihre eigenen Gesetze.“ Den Traum von Olympia 2016 legt sie erst am Qualifikationsende (10. Julis 2016) ad acta, auch wenn er nur mit winzigen Chancen behaftet ist.

„Ich ziehe vor jedem dieser jungen Menschen den Hut, sie opfern Teile ihre Jugend, gefährden des Öfteren ihre Gesundheit, stellen ihre beruflichen Entwicklungen in den Hintergrund und leben viele Jahre von fast keiner finanziellen Unterstützung“, lobt Telis-Teamchef seine Rasselbande über alle Maßen. So unrecht hat der Regensburger Coach gar nicht. Die Rahmenbedingungen, wenn man kein Profi in einer ballspieltreibenden Mannschaftssportart wie König Fußball ist, sind in der Bundesrepublik, einem der reichsten Staaten dieser Erde, eher schlecht für Sportler aus den olympischen Einzelsportarten. Sich eine Existenz für die Zukunft aufzubauen, bleibt für die meisten ein Wunschtraum. „Zumindest würde ich mir wünschen, dass die nationalen Dachverbände ihren hohen Leistungsanspruch einer erweiterten Endkampfchance an die Sportler aufgeben würden. Allein die internationale Qualifikation der jungen Menschen fordert eigentlich rückhaltlose Wertschätzung und auch eine Unterstützung im selben Maße für deren Träume“, fährt das Regensburger Leichtathletik-Urgestein fort. Er wird dabei sein in Amsterdam und jetzt auch nach langem Überlegen in Rio, weil der sportliche Sündenpfuhl des internationalen Sports im Allgemeinen und in der Leichtathletik im Speziellen nicht spurlos an ihm vorbei gegangen ist und er lange nachdenken musste, ob er sich das noch einmal anschauen will. Er wird sich nun aber ganz besonders freuen wenn gleich eine ganze Handvoll blauer Träume in Rio und auch in Amsterdam endgültig wahr werden.