Ein Kommentar von Klaus Blume - Freier Journalist und Buchautor

Regensburg, 25. August 2016 (Klaus Blume) - Wer reist schon nach Paal, im tiefsten Flandern? Allenfalls jene Herren aus dem Morgenlande, die als Abgesandte des bahrainischen Königs Hamad bin Isa Al Chalife unterwegs sind. Sie zielen in diesem gottverlassenen Kaff nicht auf die historische Wassermühe, sondern auf Mijnher Corstjens Büro. Marc Corstjens, einst schnellster belgischer Meilenläufer, verkauft dort nämlich hochtalentierte aber bettelarme Läufer aus Ostafrika. Aus Kenia, Äthiopien, Eritrea. Gewinnbringend - für beide Seiten. Auch dem steinreichen arabischen Inselstaat aus dem Persischen Golf ist er gern zu Diensten.

Bei den letzten Asien-Meisterschaften 2015, zum Beispiel, traten gleich 32 dieser Ostafrikaner in König Hamads Trikot auf - und dominierten die Szene nach Belieben. Von der Mittelstrecke bis zum Marathonlauf. Bahrain, der neue Läufer-Staat! Und wie zur Bestätigung gewann die Kenianerin Jepkirui am 13. März im japanischen Nagoya auch noch den berühmtesten Frauen-Marathonlauf der Welt - als Bahrains neuer muslimischer Star Eunice Kirwa. In Rio de Janeiro holte sie die Silbermedaille im Marathonlauf. Das schaffte 2012 in London schon um ein Haar die als Myriam Jamal aus Bahrain auftretende Zenebech Tola aus Äthiopien - mit Bronze über 1500 Meter.

Ähnlich wie unter König Hamad in Bahrain geht es unter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei ab. Die Türken wollen - mit viel Geld und der trickreichen Vermittlung niederländischer sowie italienischer Athleten-Verkäufer - an den Europameisterschaften im Juli in Amsterdam die Laufstrecken dominieren. Zum Beispiel mit dem Kenianer William Biwott Tabui - er trägt seit 2011 den türkischen Namen Ilham Özbilen - über 1500 Meter oder mit dessen Landsmann Stanley Kiprotich Mukone, der als türkischer Champion  Ali Kaya über 5000 und 10 000 Meter mit den gebürtigen Europäern Katz‘ und Maus spielt. Ähnlich der äthiopischen Marathonläuferin Chaltu Girmar Meshesha, die mittlerweile den türkischen Namen Sultan Haydar trägt. Die Europäerinnen sind für sie nicht mal Sparrings-Partnerinnen. Die Türkei macht also richtig mobil. Mit viel Geld und dem unappetitlichen Menschenhandel halbseidener Manager aus den Niederlanden, Belgien und Italien. So kam es, zum Beispiel, das der einstige jamaikanische Sprinter Jacques Harvey nunmehr unter dem Namen Jake Alice Harvey seine schnellen Beine für die Türkei wirbeln lässt. In der Szene kursieren derzeit Hinweise auf dreissig positiv getestete türkische Leichtathleten. Präsident Erdogan wird das wohl als Verleumdung bezeichnen. Oder als Erfindung.

Warum das alles? Das Königreich Bahrain - Das Auswärtige Amt, Berlin: „Beachten Sie bitte unsere Reise- und Sicherheitshinweise“ - will über sportliche Erfolge die in Asien traditionell führenden Länder Japan, Korea, China und Kasachstan aus den dortigen Sportgremien verdrängen und aufstrebenden Sport-Nationen, wie Indien, von vornherein den Weg verbauen. Die „Manila Times“ zeterte bereits: „Was sich seit zehn, fünfzehn Jahren im asiatischen Sport zuträgt, ist ein Teil übler Machtpolitik. Vor allem Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate zertrümmern mit ihrem Geld die traditionelle Sportförderung.“ Ähnlich drastisch äußerte sich die indische „Mumbai Times“: „Obendrein steuern die europäischen Manager gemeinsam mit ihren Geldgebern auf eigenen Meetings und eigenen Marathonläufen die internationale Leichtathletik nach Gutdünken. Der richtige Wettkampf hat kaum noch eine Chance.“

Zu schwarz gesehen? Von wegen. Allein die niederländische Agentur Globalsports-communication veranstaltet per annum neun internationale Marathonläufe, darunter in Hamburg und Mumbai, sowie eine Handvoll internationaler Meetings. Ein gutes Dutzend internationaler Unternehmen bildet dabei die Partnerschaft. Betreut werden schließlich etwa 130 Sportler aus aller Welt. Ähnlich geht es bei Marc Corstjens in Belgien oder Gianni Demadonna in Italien zu. Rund 120 dieser sogenannten lizenzierten Leichtathletik-Manager teilen sich das weltweite Geschäft  auf - die Verbände werden dabei nur per forma gefragt. Diese Manager unterhalten internationale Trainingscamps mit Trainern, Betreuern und Ärzten; in Afrika, Asien, Europa und Amerika. So hat die schwedische 1500-Meter-Weltmeisterin Abeba Aregawi denn auch nie in Skandinavien, sondern stets in ihrer Heimat Äthiopien gelebt. Wie sie dort an das hauptsächlich in Russland angewandte Herzmittel Meldonium gelangt ist? Im schwedischen Verband ist man ratlos. Denn die Manager und deren Trainer entscheiden schließlich, was wirklich geschieht;  wer, wo, warum und vor allem, für welche Gage auftritt - oder  warum er daheim bleiben muss. Weil er Meldonium oder sonst etwas genommen hat?

Ein Geschäft, von dem im Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) angeblich niemand etwas weiß. Aber der türkische Manager Önder Özbilen, der sich von seinen Athleten gern als „Mein Führer“ anreden lässt, erzählt bereitwillig, wie es funktioniert. Wie er, zum Beispiel, an den derzeit wegen Dopings gesperrten äthiopischen Super-Star Elvan Abeylegesse (33) gekommen ist. Die angeblich verarmte weißrussische Regierung habe ihn 1998 gebeten, für ihr Land äthiopische Athleten zu kaufen: „Für echte Dollars.“ Also wandte sich der „Führer“ an den allwissenden Überläufer Haile Gebrselassie, der ihm gerne half. Es gäbe da eine Familie mit sieben Kindern, in der man froh sei, wenigstens eines, obendrein eine begabte Läuferin, nicht mehr  durchfüttern zu müssen. „Führer“ Özbilen zahlte Elvans Vater ein Handgeld in unbekannter Höhe und versprach, der Tochter zwei Jahre lang monatlich 300 Dollar zu geben, bis sie ihr Laufgeld selbst verdienen könne. Für die Türkei, nicht für Weißrußland, machte die zweimalige Olympiazweite Elvan Abeylegesse dann ihre atemberaubende Karriere.

Verkauft wird übrigens dorthin, wo ordentlich gezahlt wird und nicht, wohin es den Athleten treibt: Den talentierten äthiopischen Langstreckler Haile Desta Hagos verschlug es deshalb als Hayle Ibrahimov nach Aserbaidschan; den Algerier Tariqu Ahmed nach Saudi-Arabien; den Somali Bashir Abdi nach Belgien, wo er es gut getroffen hat.

Dieses Geschäft boomt seit gut zwanzig Jahren. Aber macht es auch glücklich? Erinnern Sie sich an die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin? Weil damals alle Welt nur über Usain Bolt staunte, fiel Yusuf Saad Kamel gar nicht auf. Der Mann im weißroten Trikot des Königreichs Bahrain gewann Gold über 1500 und Bronze über 800 Meter. Das Talent dafür hatte der gebürtige Massai von seinem Vater Billy Konchellah geerbt, dem zweimaligen Weltmeister über 800 Meter. Gegen dessen erklärten Willen hat Sohn Gregory 2003 Religion und Staatsbürgerschaft gewechselt. Vom Christen zum Muslim, vom Kenianer zum Bahrainer. Inzwischen kehrte er wieder heim und baute in seinem Heimatdorf eine Weizenfarm auf - als Staatenloser. Geduldet, nicht willkommen.