Es muss nicht immer nur Fußball sein

Regensburg, 4. Juli 2016 (Ring) –  Bei epochalen Ereignissen fallen mir in aller Regel die Mondlandung der Amerikaner, die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus oder die deutsche Wiedervereinigung ein. Epochal ist, wenn etwas absolut Außergewöhnliches, Faszinierendes für die Menschheit und sei es nur für einen kleinen Teil dafür, passiert. Die Medien wollen uns derzeit weismachen, dass auch die Euro 2016, für Sportungebildete die Fußball-Europameisterschaften, so etwas sei, und das schon seit 2006, jener Geburtsstunde des Sommermärchens, der Fußball-Weltmeisterschaften auf deutschen Boden. Immerwährend sozusagen, im Rhythmus von zwei Jahren, einmal EM, einmal WM.

Der übrige Sport wird dann zu solchen Unzeiten völlig an den Rand gedrückt, ganz egal ob mit oder ohne deutscher Beteiligung oder sogar Siegchancen. In geradezu epischer Breite zelebrieren Fernsehen, Radio, alle Printmedien und natürlich auch das weltweite Netz Spiele wie Wales gegen Portugal, was in normalen Zeiten – verzeihen Sie mir den Ausdruck – kein Schwein interessiert. Ich habe mir sagen lassen, dass viele dieser absolut bedeutenden Vorrunden- Achtel- und Viertelfinalspiele eben auch mit gähnender Langeweile wucherten. Endloser Ballbesitz um den Mittelkreis bei gezählt einem Schuss pro Halbzeit auf’s gegnerische Tor wird mir dann als hohe Taktikraffinesse verkauft und es soll sogar so arme Medienmitarbeiter geben, die die einzelnen Ballberührungen der jeweiligen Mannschaften mitzählen und dann prozentual vergleichen.

Da ich ein banaler Zuschauer bin, interessiert mich eigentlich nur eines: „Wie kommt das Runde in das Eckige.“ Anstatt dessen muss ich mir ständig anhören, dass die eine oder andere Mannschaft auf der Suche nach dem „tödlichen Pass“ ist, den man dann bei vielen 0:0 oder 1:0 doch nicht zu sehen bekommt. Fußballspiele waren für mich in der Vergangenheit schon packender! Und auch das 7:6 Deutschlands im Elfmeterschießen gegen Angstgegner Italien hält keinen Vergleich aus zu jenem spannenden Halbfinale der WM 1970, als sich die gleichen Teams nach Verlängerung mit 4:3, damals zum Vorteil der Italiener, trennten.

Jetzt geht also dieses aus deutscher Sicht weltumfassende Drama am Donnerstag, vielleicht auch am Sonntag in Frankreich weiter und die Nation wird sich wieder bunt bemalt in Schwarz-Rot-Gold im Alkohol ertränken, ob nun im Siegestaumel oder im Frust der alles umfassenden Aussage „Wir haben verloren“. Wenn ich mich dann meist als unberührter Nichtverlierer oute, stehe ich ganz schnell an der Schwelle zum Vaterlandsverräter. Dabei möchte ich gar nicht verschweigen, dass es mich nicht freut, wenn Deutschland jedes Mal gewinnt. Aber die Welt geht nicht unter, wenn es Jogis elf Jungs nicht gewinnen oder ich das vielleicht nicht mitbekomme.

Das wird wohl auch am Donnerstagabend und dem darauffolgenden Sonntag so sein. So rein zufällig finden da in Amsterdam auch Europameisterschaften statt, nämlich die der Leichtathleten. Und zufällig werden daran sechs Läufer/Innen aus meinem Regensburger Team teilnehmen und – entschuldigen Sie, Eure Hoheit Fußball – die werden mich in diesen Momenten mehr interessieren. Meine Region, meine Stadt hat zufällig derzeit keinen Mann in Jogis Elf, aber sechs Athleten bei den Europameisterschaften in Amsterdam. Das weiß nur keiner in unserer Region, bisher wenigstens, weil eben Wales gegen Portugal spielt und die seitenfüllenden Geschichten am Rande des runden Leders jeglichen Platz für solche Nachrichten rauben, jedenfalls bisher.

Vom Glauben abgefallen, dass sich das unmittelbar vor Beginn der EM, jenen der Leichtathleten, am kommenden Mittwoch ändert, bin ich noch nicht. Man wird uns schon nicht vergessen. Der Fußball-Chauvinismus, dieser alles verdrängende Machtkampf einer Sportindustrie um den runden Lederball, geht mir aber schön langsam auf den Keks. Es reicht eigentlich, mag man als halbwegs normal denkender Mensch sagen. Karl Marx hat einmal über die Religion gesagt, sie sei das Opium des Volkes. Ich möchte behaupten, dass man das Wort „Religion“ inzwischen getrost mit „Fußball“ austauschen kann, auch wenn mir das gehörig gegen den Strich geht.

So bleibt mir denn nichts übrig, meine besondere Stellung im Amsterdamer Stadion und später dann zum Zeitpunkt des EM-Finales am Sonntag im Flieger von Amsterdam nach München zu genießen, nicht so sein zu müssen wie alle anderen, sozusagen gleichgeschaltet, sozusagen nach dem Motto Diogenes, jenem griechischen Philosophen, übertragen auf die derzeitige Situation: „Geht mir aus der Sonne, liebe Fußball-Wahnsinnigen! Die Welt könnte gut auch ohne das runde Leder überleben!