Maren Kock und ihre Irrfahrt zu den Olympischen Spielen

Kock11 EM2016 KiefnerfotoRegensburg, 13. Juli 2016 (orv)  - Maren Kock steht im deutschen Aufgebot für die Olympischen Spiele in Rio. Diese fast unglaubliche Nachricht haute gestern große Teile der Regensburger Leichtathletikszene fast vom Hocker. Eine Unglücksgeschichte wendete sich im letzten Moment zu einem sportlichen Märchen. Eigentlich war der Zug nach Rio schon weg und plötzlich tat sich ein Hintertürchen, von denen nur wenige wussten und das fast keine für möglich hielten, doch noch auf. Maren Kock war plötzlich trotz vergeblicher nerven- und kraftraubender Normenjagd dabei und kehrte damit jenen Schock, den sie sich am 1. Mai im kalifornischen Palo Alto durch das hauchdünne Verfehlen der 5.000m-Rio-Norm um 73 Hundertstel eingefangen hatte und nicht los zu werden schien, letztendlich noch in einen warmen Regen von Glücksgefühlen um.

Die Meinungen vor der Saison waren nicht dieselben. Coach Kurt Ring, der ihre Pläne schreibt, während ihr ursprünglicher Heimtrainer Arno Kosmider diese in Lingen überwacht, warnte die beiden ob der Erfahrungen aus jenem kniffligen Jahr 2012 mit Corinna Harrer eindrücklich: „Das Ding über 1500m wird nicht einfach. Du hast letztendlich nur drei Versuche Mitte Mai bis Anfang Juni. Obwohl nur 56 Hundertstel fehlen, muss das Rennen passen, die Gegnerinnen mitspielen und letztendlich auch das Wetter und - der Druck wird von Rennen zu Rennen, die du am Ende mehr brauchst, immer größer.“ Die Athletin selbst war dennoch felsenfest überzeugt vom Unternehmen Olympia: „Das pack ich, das habe ich drauf.“
 
Lange hat’s gedauert, bis der Regensburger Coach sie und ihren Freund Florian Orth überzeugen konnte, quasi vor der Saison am 1. Mai das „Sicherungspaket“ 5000m im fernen Kalifornien mitzunehmen. Er hoffte, über die Erfüllung der Rio-Norm auf den ungeliebten zwölfeinhalb Runden, den Druck von der Athletin weg zu bekommen. Was schließlich auch fast gelang, am Ende fehlten 73 Hundertstel zu jenen 15:24,00 Minuten für Olympia. Maren Kock hatte einfach nur unsägliches Pech gehabt. Trotzdem stürzte sie sich ins Unternehmen 1500m als gäbe es nichts anderes.

Kock12 EM2016 KiefnerfotoWie auch immer, keines der anvisierten Rennen wollte gelingen, selbst die läppische EM-Norm von 4:09,00 Minuten schien unbezwingbar. Am Ende des Dramas standen nicht normgerechte 4:09,33, ein zweiter Platz bei der DM und das Angebot des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, bei der EM die 1500m laufen zu dürfen bei gleichzeitiger Nominierung für die 5.000m. Sollte sie dort in Amsterdam im Vorlauf am Freitag ausscheiden, müsste sie über die 5.000m im Finale ran. Wieder hatte sie also die längere Strecke gerettet.

Ob es nun die Gunst der Stunde war, das Glück des günstigeren Vorlaufs oder allein der Druck, doch noch auf jene wenig gemochten zwölfeinhalb Bahnrunden gehen zu müssen, ist am Ende piepsschnurzegal. In einem hochdramatischen Finale über dann doch 1500m brachte die Regensburgerin mit einem vehementen Schlussspurt Platz sechs und ihren größten internationalen Erfolg nach Hause, war am Ende viel näher an den Medaillenrängen dran, als sich, wie von vielen Experten erwartet, mit einem der letzten Plätze beschäftigen zu müssen. Spätestens hier im ehrwürdigen Olympiastadion von 1928 hatte die 26-jährige gebürtige Emsländerin das letzte Pech abgestreift und war eigentlich mit der Welt und sich zufrieden.

Kock14 EM2016 KiefnerfotoPech und Glück schien vom Schicksal aber noch nicht ausgewogen verteilt gewesen zu sein. Als alle für Maren Kock mit Rio keine Gemeinsamkeiten erkennen konnten, höchstens die, dass es Lebensgefährte Florian in die brasilianische Metropole eben über die 5.000m geschafft hatte, öffnete sich das Hintertürchen zum absoluten Glücksgefühl der Maren Kock. Die „entry standards“ der IAAF besagen, dass olympische Leichtathletikwettbewerbe, bei denen die Normerfüller, in diesem Falle Normerfüllerinnen von 4:07,00 nicht ausreichen, um das gewünschte und anvisierte Teilnehmerinnenfeld von hier 45 Athletinnen zu erlangen, durch weitere Athletinnen aus der dann folgenden IAAF-Bestenliste, den Olympischen Qualifikationszeitraum vom 1.1.2015 bis 11.7.2016 betreffend, in der Reihenfolge ihrer erzielten Bestleistungen zusätzlich eingeladen werden.  Auch wenn man diesen Satz dreimal lesen muss, ist er bei genauerer Betrachtung gar nicht so kompliziert, mit Ausnahme dessen dass international eben auch die Leistungen aus dem Vorjahr gelten und da war Maren ihre normnahen 4:07,56 gelaufen.

Inzwischen hat der DLV die Nominierung der Regensburgerin als eine „fixe“ am Telefon bestätigt und auch jene von Kollegin Diana Sujew. Der Shitstorm im Netz ob der ungerechten Behandlung weiterer Athleten mit noch knapperen Normerfüllungen ist unberechtigt, jener über das Nominierungsverhalten des DLVs auch. Für die Quotenregelung bot der internationale Verband IAAF eben nur ganz wenige Disziplinen an, darunter auch die 1500m der Frauen, aber nicht die 800m. Dass der DOSB oder auch der DLV diese Option am Ende zog, macht nun die Regensburgerin Maren Kock von der LG Telis Finanz zum absoluten Glückskind. Ende gut, alles gut, wie es in manch schnulzigem Film heißt, der aber jetzt  im Falle Kock erst Mitte August im fernen Südamerika ein Happyend findet. Jedenfalls hat sich Maren Kock heute in Hannover bereits ihre Olympiabekleidung abgeholt, jene, in deren Besitz ihre Teamkollegen Anja Scherl, Philipp Pflieger und Florian Orth schon seit einigen Tagen sind.

Fotos von Theo Kiefner bei den Europameisterschaften 2016 in Amsterdam