Wolf-Dieter Poschmanns Kommentierung des 800m-Halbfinales

Huber15 EM2016 KiefnerfotoRegensburg, 14. Juli 2016 (orv) – Die Leichtathletik führt im Fernsehen, zumindest im deutschen, meist ein Schattendasein. Das ändert sich immer, wenn Meisterschaften anstehen und die große alte Dame des Sports kann hier durchaus auch schon mit ihren Deutschen Leichtathletik Meisterschaften punkten. So waren denn dann auch natürlich  die Europameisterschaften in Amsterdam voll auf dem Bildschirm, abwechselnd von Tag zu Tag von ARD und ZDF präsentiert mit der gewohnt voluminösen Berichterstattung. Eigentlich hatten wir uns in Regensburg gefreut, dass das Halbfinale mit Beni Huber im ZDF übertragen wird.

Huber12 EM2016 KiefnerfotoBekanntlich „sieht man da ja mit dem Zweiten besser“. Und, mit Wolf-Dieter Poschmann, selbst einmal in seiner Jugend Läufer der besonderen Klasse, sollte ein versierter Profi und Kenner der Szene am Mikro sitzen. Dass er dann Beni Hubers mutigen Lauf als „schlechte Taktik“ verrissen hat, sei dem Poschi verziehen, bedarf aber doch einer kleinen Analyse. Irgendwie war unser Fachmann vom Zweiten einfach nicht überzeugt vom forschen Vorgehen des Vorzeigebayern, das beim genauen Hinsehen gar nicht so forsch war, weil die anderen im Feld eben gar nichts für’s Tempo tun wollten. Und irgendwie hatte sich Poschis Idealtaktik für Beni Huber im Moderatorenhirn bereits festgesetzt, eben als schlechte, wenn man bei einer EM als Nobody vorausläuft.

Anders ist sein Verschauer bezüglich der finalen Zeit, die er unbedingt als eine 1:49 gesehen haben wollte, nicht zu deuten. Er realisierte in diesem Moment gar nicht, dass der Huber eben nicht zwei Sekunden von den Zeitschnellsten weg war, sondern eben nur 16 Hundertstel vom Finale und die Taktik des Deutschen Meisters fast aufgegangen wäre. Vielleicht sollte der Poschi, mit seinen inzwischen 65 Lenzen öfter mal die Brille aufsetzen, dann wäre ihm nämlich schon im Vorfeld des Halbfinales aufgefallen, das sich der Huber Beni über die Platzierung eins bis drei von vornherein gegen die Weltklasseleute Lewandowski, Giles und Tuka im Endspurt wenig bis gar keine Chancen ausrechnen konnte. Die drei Edelspurter belegten dann auch im Finale die Plätze zwei, drei und vier.

Huber1 EM2016 KiefnerfotoIm Gegensatz zu Poschi hatte der Huber Beni genau auf’s erste Halbfinale geschaut. Platz vier musste es sein und unter 1:47,40. Das mit der Zeit war ihm schon mal unter gleichen Voraussetzungen bei den „Deutschen“ gelungen, wo er quasi im Alleingang, von Anfang bis Ende vorne laufend, eine 1:47,17 und den überraschenden Titel auf die Bahn im Kasseler Aue-Stadion gezaubert hatte. Warum sollte das in Amsterdam nicht gelingen. Und wäre da nicht der „verreckte Wind“, wie wir in Bayern sagen, gewesen, wäre ihm das wohl auch gelungen. Seine 53,6 Sekunden auf der ersten Runde waren identisch mit der Durchgangszeit von Kassel und die Endzeit dann gegenüber der DM bis auf den kleinen Windschaden ebenso. Zum vierten Platz fehlten zwei Hundertstel. Aber knapp vorbei, ist eben halt auch vorbei.

Huber11 EM2016 KiefnerfotoBeni Huber hatte keine Stallregie. Er hat sich spontan zu dieser Taktik, mit der er schon mal erfolgreich war, entschieden. Und, wenn man genau hinschaut, war’s wohl der einzige Weg ins Finale, in das er wohl leichter über das Halbfinale eins gekommen wäre, in dem der Holländer Kupers mächtig Dampf gemacht hatte, weil auch er wusste, dass es für ihn wohl nur über die Zeit gehen konnte. Manchmal bist du, wie im Falle Huber, einfach mit der richtigen Form im falschen Rennen. Was wir aber alle nicht vergessen sollten: Beni Huber ist als Beinahe-Nobody nach Kassel gefahren, hat sich dort seinen ersten Deutschen Meistertitel mit einem furiosen Rennen gesichert. Beni Huber ist ohne deutsche Norm – dazu fehlten sieben Zehntel – als Zwanzigster der Teilnehmerliste nach Amsterdam gefahren, hat dort das Finale nur um sechzehn Hundertstel verpasst und das Olympiastadion von 1928 als Zehntbester Europas verlassen. Chapeau, Beni! Von dir wird man in den nächsten Jahren noch viel hören. Die internationale Luft hat dir gut getan und du hast keinen Schnupfen bekommen, auch wenn das der Poschi vom Zweiten ohne Brille vielleicht ein wenig anders gesehen hat.

Fotos: Theo Kiefner, Europameisterschaften 2016