GRR schießt beim Kommentar über die Halbmarathon-EM über das Ziel hinaus

Regensburg, 18. Juli 2016 (orv) – „Das Ergebnis ist Ernüchterung pur: Bei der Halbmarathon-Premiere im Rahmen der Europameisterschaften 2016 in Amsterdam wurden die deutschen Männer Zehnter von sechzehn klassierten Nationen mit sechs Minuten Rückstand auf den Überraschungssieger Schweiz, die deutschen Frauen Vierzehnter mit einem Rückstand von dreizehn Minuten auf Europameister Portugal, dahinter lediglich noch Norwegen und Schweden“, schreibt Laufszene-Kenner Wilfried Raatz auf den Seiten von German Road Races. Als einen von mehreren Gründen folgert er: „Es hat fast den Anschein, dass sich die deutschen Langstreckenläufer auf der Jagd nach der Olympianorm im Marathonlauf und einer Leistungsbestätigung auf einer Unterdistanz verausgabt haben, in der erforderlichen Regenerationsphase nicht die nötige Sorgfalt walten ließen und bekannte Trainingsgesetzmäßigkeiten missachtet haben“, und weiter, „ hier sind es Magenprobleme, dort eine kaum ausgeheilte Verletzung oder ein Sturz im Training, offenbar ist man mit Ausreden hierzulande schneller als die Beine tragen“. So ganz verständlich ist Wilfried Raatz Frust wegen der fehlenden Leistungen nicht. Bei genauerem Hinsehen hätte er und auch andere Experten im Vorfeld erkennen müssen, dass Deutschlands Halbmarathon-Teams nie Medaillenkandidaten waren, aber bei gesunden Topathleten wie Arne Gabius oder Sabrina Mockenhaupt durchaus in der Lage gewesen wären, um Platz vier bis sechs mitzulaufen, ganz zu Schweigen bei einem  möglichen Einsatz von Fate Tola.

Dabei sieht Raatz durchaus gute Rahmenbedingungen für Deutschlands Langstreckenspezialisten: „Unbestritten sind die inzwischen zumeist verbesserten Trainingsrahmen. Kaum einer der deutschen Starter ist Feierabendläufer, sondern arbeitet mit reduziertem Stundenkontingent (bei finanziellen Einbußen), Student mit gestrecktem Stundenplan, oder gar in einer Sportfördereinheit der Polizei oder der Bundeswehr. Oder läuft professionell. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) schickt die Disziplinbesten in schöner Regelmäßigkeit ins Trainingslager, für die Langstreckenläufer in ferne Höhentrainingslager in den USA, Äthiopien oder Kenia. Entweder mit kompletter Kostenübernahme oder Eigenkostenbeteiligung. Leider mit aktuell nur mäßigem Ertrag – siehe Amsterdam.“

Scherl4 EM2016 KiefnerfotoDeutschlands Langstrecklerinnen auf der Halbmarathondistanz wollen dies nicht so stehen lassen, zumindest zwei der drei stärksten und in Amsterdam an der Startlinie. In einem Mail an Wilfried Raatz und Horst Milde relativiert Marco Scherl, Ehemann und Coach der diesjährigen Senkrechtstarterin Anja Scherl einiges: „Anja Scherl geht einem normalen Beruf nach. Franzi Reng studiert ohne reduziertes Stundenkontingent und arbeitet nebenbei noch als freie Journalistin. Anja Scherl (derzeitig Nr. 1), Franzi Reng (derzeit Nr. 2 in Deutschland) mussten ihr Trainingslager in Monte Gordo und in Cervia ohne finanzielle Unterstützung vom deutschen Leichtathletikverband tragen. Auch an einem Höhentrainingslager in den fernen USA, Äthiopien oder Kenia nahmen sie und auch ihr Teamkollege und Olympiastarter Philipp Pflieger nicht teil. Ein solches Programm würde den beiden Athletinnen seitens des DLV auch nie angeboten. Die Bitte um Bezuschussung von Trainingslagern in Hinblick ihrer internationalen Einsätze wurde im Falle Reng ganz abgelehnt, im Falle Scherl dann nach erneuter Anfrage für Anja Scherl zumindest Richtung Olympia bewilligt.“

Reng8 EM2016 KiefnerfotoAuch Franzi Reng wehrt sich in einem Mail an Wilfried Raatz: „Ich wurde auch nie vom DLV in irgendein Trainingslager „geschickt“. Ich habe mein vierzehntägiges Oster-Trainingslager in Italien (und nicht in irgendeinem der angeführten Lauf-Mekkas) absolviert und die Kosten dafür komplett mit meinem eigenen (als Studentin zugegebenermaßen sehr überschaubaren) Budget beglichen. Da hat sich niemand beteiligt. Meine Bitte um Unterstützung wurde abgelehnt. In einem Höhentrainingslager war ich in meinem Leben noch nie. Für mich ist es kein schönes Gefühl, mit anderen Athletinnen und Athleten über einen Kamm geschoren zu werden, denen es da vielleicht etwas besser ergeht.

Zu ihrem verletzungsbedingten Ausscheiden bei der EM schreibt sie: „Ich habe mich etwa eineinhalb Wochen vor den Europameisterschaften aufgrund eines tatsächlich sehr unglücklichen Zufalls verletzt: Durch die Schnürung des Laufschuhs wurde bei mir eine Sehne während des Dauerlaufes „unterversorgt“ und der aktive Bewegungsapparat meines rechten Unterschenkels hat auf diesen Reiz ungewöhnlich empfindlich reagiert. Dies machte sich allerdings erst Tage später bemerkbar. Man konnte nicht vorhersagen, wann sich die Schwellung an Muskel und Sehne zurückbilden würde und daher wurde entschieden, dass ich trotz großer Schmerzen nach Amsterdam reise und ganz einfach abwarte, ob sich alles noch zum richtigen Zeitpunkt wieder beruhigt. Leider war dies nicht der Fall und ich musste das Rennen abbrechen, was für mich wirklich eine schlimme Erfahrung war, mit der ich immer noch zu kämpfen habe. Dies nun lapidar als „Ausrede“ abzustempeln, ist für mich ein Schlag ins Gesicht. Das, was mir passiert ist, kann theoretisch jedem Läufer passieren – egal ob Jogger, Hobbyläufer oder eben Leistungsathlet. Ich habe trotzdem alles dafür getan, meine Rolle im Team auszufüllen und habe meinen Start ganz in den Dienst der Mannschaftsleistung gestellt. Ich wollte mir keine Vorwürfe seitens Außenstehender anhören, ich sei unkollegial (da ich ja nicht wie andere noch einen Start in Rio vor mir habe), und mir vor allem selbst keine solchen machen müssen.“

Pflieger3 EM2016 Kiefnerfoto„Die unbestritten besseren Trainingsrahmen“, sieht Kurt Ring, Coach von Franzi Reng und Philipp Pflieger, nicht: „Während die Briten Jahr für Jahr an einem modernen ganzjährigen eigenen Trainingscamp in Kenia basteln, trainiert ein Großteil Deutschlands bester Langstreckenläufer/Innen  in Eigenregie in Höhenlagern, um zum Teil ihre Olympiaform voranzutreiben, darunter auch Marathonstarter Philipp Pflieger. Da ist nichts mit Verbandsrundumbetreuung. Die Bundestrainerin hat sich nämlich nicht in Sankt Moritz sondern zusammen mit ihrem Mann, dem Teamleiter Lauf Wolfgang Heinig in Davos einquartiert, der dort Deutschlands Medaillenhoffnung Gesa Felicitas Krause betreut.“ Davos war im Herbst einmal als DLV-Maßnahme im Gespräch, aber seitdem nie mehr kommuniziert worden. Die Meinungen. Keiner der Rio-Qualifikanten erhielt dazu eine Einladung. Die Meinungen, wie das geschehen solle, gehen hier kontrovers auseinander. Die Bundestrainerin ist der Meinung, die Absichtserklärung im Herbst, also zu Beginn der Saison müsse reichen, weitere Informationen hätte der Athlet selbständig anfordern. Viele Athleten erwarten eine offizielle Einladung, auch wenn man sie nicht für Dienstbefreiungen braucht.

Für Kurt Ring sieht eine zukunftsträchtige Struktur zur Verbesserung des Spitzenbereichs des deutschen Laufs sowohl in der Personalzuweisung, als auch in der Organisation anders aus. „Einen Eingangslehrgang im Herbst für das gesamte Team gab’s nicht, Service muss erst zäh erfragt werden, von einer fruchtbaren und zielführenden Partnerschaft zwischen DLV-Marathonteam mit den dazugehörigen Athleten/Innen kann nicht die Rede sein, und – das liegt sicher nicht nur an uns.“ Der Mann muss es wissen, schließlich gehören vier seiner Athleten dem Marathonkader an, drei waren bei der EM im Halbmarathon dabei und zwei werden in Rio im Marathon starten. „Frau Heinig wird diese Woche allerdings zumindest einen Tag nach St. Moritz kommen um Arne Gabius, Steffen Uliczka und mich zu besuchen.“, schreibt Philipp Pflieger aus seinem jetzigen Höhentrainingsort.

Trotz der hundertprozentigen Teilnahmequote des deutschen Marathons in Rio, ist in der Szene nicht eitel Sonnenschein. Es fehlt am Vertrauen, an der richtigen Autorität. Nicht jene, die die Athleten wie Schulmädel und –jungs in vom Verband vorgegebene Verhaltensmuster drängt, sondern jene, die von Seiten der Führungsriege trainingsmethodisch und konzeptionell überzeugt, den Sportler als gleichberechtigten Partner des Systems zulässt. Konzepte aus einer Vergangenheit mit einem ganz anderen Gesellschaftssystem herauszuholen, scheint nicht zielführend zu sein, schon gar nicht, wenn die Läufer bis in den totalen Spitzenbereich weitgehend fast alles selbst zu leisten haben und der Verband, aus welchen Gründen auch immer, nicht genügend in deren Förderung investieren kann. Vielleicht bringt der neue Olympiazyklus nach 2016, wenn es gilt,  in Richtung Tokio 2020 zu denken, neue Erkenntnisse. Momentan heißt es abwarten und Tee trinken.