Zurück bleiben Zweifel und Nachdenklichkeit, aber auch der Stolz auf drei ganz Große aus meinem Team

Regensburg, 25. August 2016 (Ring) – Da sitz ich nun im Flieger von Rio nach München, zurück von den Olympischen Spielen im fernen Brasilien. Rio ist weit weg von old Germany. Zeit also zum Nachdenken über die vergangene Woche, von all den olympischen Eindrücken. Einerseits immer noch stolz auf die Auftritte meiner drei Athleten, die sich bar jeglicher Medaillen oder Endkampfchance wacker geschlagen haben, als beste Deutsche in ihrer Disziplin, anderseits zornig über die Zustände bei Olympia und die Unfähigkeit der Verantwortlichen, dies zu ändern. Dort wo sich bei mir noch 2012 auf dem Rückweg von London Stolz, Zufriedenheit und Euphorie für die nächste Olympiade, der Zeit zwischen den Olympischen Spielen, breit machten, fressen nun Zweifel, Zorn und Ohnmacht dergestalt, dass sich wohl nie etwas an dieser unheiligen Gemengelage ändern wird, meine Seele auf.

„Alles gegeben und unfassbar glücklich das alles erleben zu dürfen. Einfach nur dankbar“, postete inzwischen mein Marathonmann Philipp Pflieger auf Facebook, noch ganz berauscht vom Spektakel Olympia. Für ihn ist ein Traum in Erfüllung gegangen und wenn ich mich an seine strahlenden Augen und die Tränen seiner Lieben im Ziel erinnere, hat sich auch für mich wieder alles hundertprozentig gelohnt. Auch dann, wenn nur Platz 55 heraussprang im Zirkus der Lügen, Betrügereien und sagen wir es doch einmal deutlich Sudeleien. Oder wie soll ich es denn anders nennen, wenn ein kenianischer Trainer frech und bei vollem Bewusstsein sich die Akkreditierung seines Athleten umhängt und damit zur Dopingkontrolle geht. Die Folgen: Der Athlet wird im Finale Fünfter, ansonsten passiert nichts. Oder wenn drei zweifelhafte „Frauen“ mit ungesichertem Geschlechtsnachweis die übrigen 800m-Finalistinnen düpieren.

Gelohnt hat es sich auch, jene unglaubliche Geschichte der Anja Scherl mitzuerleben, die in beinahe nur sechs Monaten wie Phönix aus der Asche von einer nicht einmal national zur Elite zählenden Läuferin bis zur Olympionikin und besten Deutschen im Marathon aufstieg, auch wenn es am Ende „nur“ Platz 44 war. Die Einmaligkeit des Geschehenen wird sie wie auch ihr Mann und Trainer Marco erst Monate, vielleicht Jahre später vollständig realisieren. Dass beide, Philipp Pflieger und Anja Scherl am Ende unter schlichtweg brutalen klimatischen Verhältnissen bis zum Umfallen kämpften, machte das Ganze noch viel schöner.

Zweimal also Gänsehautgefühl auf der Straße und dann noch einmal im Vorlauf über 5.000m, als Florian Orth bei schwülen 34 Grad das wohl beste Rennen seiner bisherigen Laufkarriere ablieferte, nur fünf Sekunden in seinem erst fünften 5.000m-Rennen über seiner Bestzeit blieb, die er erst im Mai bei damals optimalen Bedingungen aufgestellt hatte. Alle drei haben mir Momente geschenkt, für die es sich absolut lohnt jahrelang Tag für Tag drauf hinzuarbeiten und besonders stolz bin ich auf sie, weil sie sich immer mehr als mündige Athleten zeigen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheiten für fairen und vergleichbaren Sport eintreten.

So auch Florian Orth im Interview mit dpa unmittelbar nach dem Rennen. Er wusste, dass er mit den Vollprofis nicht mithalten können würde. Dafür war ihm sein Zahnarztstudium zu wichtig. Er wusste, dass er nur Mitläufer sein würde im großen Olympischen Zirkus. Doch dafür forderte der jetzt fertige Zahnarzt Respekt ein: „Ich arbeite noch nebenbei halbtags in der Praxis. Ich bin absolut kein Profi. Aber was man da an Zeit und Idealismus reinsteckt, ist gewaltig“. Den kleinen Traum von der Finalteilnahme hatte er. So aber dauerte für ihn Olympia genau 13:28,88 Minuten lang. Ursprünglich war Olympia für Amateure wie ihn erfunden worden. „Wenn man sich das hier so anschaut, sind die die Spiele schon ganz schön von ihren Grundgedanken abgerückt“, bemerkte er so nebenbei.

Wenn ich mir die Kleinkariertheit unserer Erbsenzähler vom DOSB betrachte, die nun das Verfehlen ihrer selbstgemachten Medaillenprognose von 44x Edelmetall an die Nähe eines mittleren Erdbebens rücken, muss ich mich fragen, wie ungeschickt man eigentlich sein muss, um überhaupt so eine Prognose in den Raum zu stellen. Anstatt sich über jeden Athleten, der die gewiss nicht niedrigen internationalen Eingangsnormen für die Olympischen Spiele überhaupt schafft, zu freuen, setzt man sich mit wenig fundierten Vorgaben nur selbst unter Druck. Es stimmt schon, dass der Dachverband nach gewissen Schlüsseln die Fördergelder verteilen muss, aber ansonsten hat er wenig bis gar keinen Anteil am Erfolg oder Misserfolg der Olympiateilnehmer.

Speziell unsere drei Athleten betreffend sind das ziemlich kleine Peanuts im Kampf gegen Läufer aus dem Nike Oregon Projekt, das jährlich mehrere Millionen für zwei Handvoll Topleute zur Verfügung hat oder gegen die staatsgesteuerten Stars aus den Ostblockstaaten. Wir Regensburger haben uns nie darüber beklagt, das Geld aber für viermalige Höhenketten pro Jahr für fünf bis sechs Olympiakandidaten haben weder unsere Athleten selbst noch der Verein. Trotzdem ist es schändlich, dass wir im Vorfeld von Olympia die geringen eingeforderten Fördersummen für eine „kleine“ Olympiavorbereitung nur nach mehrmaliger Nachfrage erhalten haben.

Da wäre denn auch noch die derzeit alles überlagernde Dopinggeschichte, bei der mir unverständlich ist, dass man immer nur von Russland und Kenia spricht, dabei Äthiopien und wohl viele Staaten dieser Welt gleich ganz ohne Trainingskontrollen auskommen und erfahrene Traineraugen sehr wohl sehen, wer da offiziell sauber, aber wohl sicher „mit Stoff“ vor allem am Ende der Rennen abdüst, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt und unmittelbar nach dem Rennen ohne zu schnaufen lockere Kommentare zu seinem Traumrennen abgibt. Sie alle bis auf wenige geschützte Ikonen, die für das Geldgeschäft Olympia unabdingbar sind, Jahre später auf Grund verfeinerter Methoden nachträglich zu disqualifizieren, ist keine Lösung.

Zu wissen, dass dein 2012er Mädel Corinna Harrer eigentlich viel besser war, als am Tag des Halbfinals angenommen, zu wissen, dass dieses Finale nie zu rekonstruieren sein wird, dämpft jede olympische Euphorie für die Zukunft und es wird mir schlecht, wenn der derzeitigen Olympiamannschaft die Erfolge einer gesamtdeutschen Vergangenheit vorgerechnet werden, die eine brutale Dopingvergangenheit in Ost und West haben. Wo sind die deutschen Stepanowas der 70er, 80er und 90er Jahre, die sich hinstellen und sagen: „Ja, nach heutigen Gesichtspunkten war bei uns keineswegs alles astrein.“ Ist Birgit Dressel umsonst gestorben oder waren etwa die prall gefüllten Wartezimmer eines gewissen Dr. Klümper nur Fakes?

Ja, ich werde auch meine zukünftigen Athleten/Innen, auffordern, einen Weg wie Corinna Harrer, Florian Orth, Philipp Pflieger, Anja Scherl oder auch Maren Kock, die nur knapp und etwas dubios kurzfristig aus dem Rio-Team wieder herausgefallen ist, zu gehen, auch wenn sie dann erneut nur 21., 44., 55. oder eben wie Harrer im Halbfinale rausfliegen. Der Glaube an ihren sauberen olympischen Traum ist mir wichtiger als zweifelhafte Medaillen. Manche der Topfunktionäre mögen dann behaupten, dass in Regensburg eh nur alles Zufall wäre und man für Medaillen echte Professionalität bräuchte, was auch immer das sei. Aber irgendwie muss es im Team während der Olympiade 2012-16 verdammt gut gestimmt haben, wenn Drei den Sprung nach Rio geschafft haben.

So bin ich denn trotz erheblicher Zweifel an der Richtigkeit des internationalen Spitzensports und der damit verlorengegangenen eigenen Euphorie nun doch wieder total motiviert, während der nächsten Olympiade 2016-20 weiteren Zöglingen zu helfen, sich an ihren olympischen Träumen zu erproben. Schließlich muss in Tokio ja auch irgendwer 21., 44. oder 55. werden.