Ein gordischer Knoten, der sich nicht lösen lässt

Regensburg, 1. September2016 (Ring) – „Es ging bei diesem Rennen über 800 Meter nicht darum, wer es gewinnen würde. Wer Silber und Bronze erreichen würde. Es ging auch nicht darum, ob jemand den Weltrekord über diese Strecke würde brechen können - den ältesten der Leichtathletik übrigens und damit freilich eine der besudeltsten Bestmarken der Sportgeschichte. Die interessantere, die gesellschaftlich bedeutsamere Frage, sie lautete: Wie würde die Leichtathletik, wie würde der Sport, wie würden die Menschen im Stadion von Rio und vor den Fernsehern weltweit mit diesem Rennen umgehen? Es gewann Caster Semenya (Südafrika), sie blieb exakt zwei Sekunden über dem Weltrekord von Jarmila Kratochvílová (Tschechoslowakien, 1:53,28 Sekunden) aus dem Jahr 1983. Hinter ihr kamen Francine Niyonsaba (Burundi) und Margaret Nyairera Wambui (Kenia) ins Ziel. Das Besondere, das Bedeutsame, das Diskutierenswerte dabei: Alle drei Medaillengewinnerinnen gelten als intersexuell - also nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen“, schreibt Jürgen Schmieder auf den Seiten der Süddeutschen Zeitung vom 21. August.

In den grundlegenden Prinzipien des Olympismus steht unter Artikel 4: Die Ausübung von Sport ist ein Menschenrecht. Jeder Mensch muss die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im olympischen Geist haben; dies erfordert gegenseitiges Verstehen im Geist von Freundschaft, Solidarität und Fairplay. … und weiter unter Artikel 6: Jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder aus sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar.

Was ist nun Fairplay? Einerseits dürfen laut olympischer Grundprinzipien Caster Semenya und die beiden anderen allein wegen ihres nicht festgelegten Geschlechts nicht diskriminiert werden sofern kein Wettbewerb für Zwitter ausgeschrieben ist. Andererseits ist es eine grobe Unsportlichkeit gegenüber den nachweislich dem Geschlecht der Frauen angehörenden Frauen, wenn Zwitter ihre nun mal ihre körperlichen Vorteile in die Waagschalle werfen. Das Runterspritzen mit weiblichen Hormonen ist ebenso keine Lösung und kommt einem Doping in der entgegengesetzten Richtung gleich.

Fairplay war im Falle Semenya von Anfang an nicht im Spiel. Erfolgsgierige südafrikanische Funktionäre schauten bei dem jungen Talent einfach weg und mussten sehr wohl erkannt haben, dass hier nicht alles so gewesen war, wie es hätte sein sollen. Auch Ehrlichkeit ist ein ethischer Grundbegriff, dem modernen Hochleistungssport aber anscheinend völlig abhanden gekommen. Ersetzt durch eine sogenannte Professionalität, die alles erlaubt, was nicht erwischt wird. Anstatt dem Menschen Semenya endlich die Wahrheit über sich selbst zu sagen – auch wenn es sehr weh getan hätte – spritzt man sie jahrelang auf „hormonell weiblich“ runter, spätere gesundheitliche Folgen nicht ausgeschlossen.

Das hat der CAS zu Recht unterbunden, die jetzige Lösung ist aber auch keine. Funktionäre, die das Problem anpacken müssten, spielen indessen Vogel-Strauß-Politik. Immer schön den Kopf in den Sand stecken und mal schön das Problem vor sich hertreiben, bis es sich von selber löst. Für die Nummer vier bis sechs bei den Olympischen Spielen 2016 ist das aber mitnichten ein Trost. Sie fühlen sich mit Recht als Betrogene. So kann, so darf Sport nicht sein und schon gleich kein olympischer. Reicht es eigentlich nicht schon, davon ausgehen zu müssen, dass im Endlauf auch noch bisher nicht erwischte drei oder vier Gedopte mitlaufen? Eine haltlose üble Nachrede? Mitnichten! Selbst während der Leichtathletikwettbewerbe in Rio wurden laufend Endlaufteilnehmer/Innen der Spiele 2008 und 2012 nachträglich und rückwirkend wegen Dopings gesperrt.

Wenn man etwas nicht mehr im Griff hat, sollte man es zumindest, so lange es irgendwie noch geht, einstellen, um nicht endgültig sein Gesicht zu verlieren. Ich befürchte aber, dass sich hinter den Antlitzen von so manchen Weltfunktionären geldgeile Zugewinnler verstecken, denen jegliche Ethik ziemlich egal ist. Solange das Volk, sprich Athleten und nationale Verbände dieses Spiel mitspielen, weil Klein nicht viel anders ist als Groß und das klein persönlich Ergaunerte jedem anscheinend wichtiger ist, als die gesamt große olympische Idee, wird weiterhin nach Kräften vertuscht, geschützt und dann ein paar Bauernopfer den verdammten Schnüfflern hingeworfen, die einfach nicht aufhören wollen, im meterhohen Mist herumzustochern, um noch mehr Unrat zu finden.