Wenn Planwirtschaft sein Ziel nicht erreicht

Huber3 Halbfinale KiefnerFotoRegensburg, 3. September 2016 (orv) – Jogi Löw muss am Sonntag zum ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen in Oslo auflaufen. Vorgeschaltet war Bastian Schweinsteigers Abschiedsspiel gegen überforderte Finnen. Dazu schickte der Bundestrainer eigentlich eine Nachwuchsmannschaft auf’s Feld. Er wollte angesichts eines sicheren Sieges seinen Youngstern eine Chance geben. Am Sonntag, wenn es ernst wird, wird er seine derzeit besten elf Spieler einsetzen, den A-Kader also. Für Talente, Nachwuchs, ja sogar das Olympiateam hat der DFB seine eigenen Fördersysteme und – großen Erfolg damit. Bei den deutschen Leichtathleten läuft das ein wenig anders.  Exemplarisch dafür ein Beispiel, die 800m der Männer. Im letzten Jahr wurden sechs Athleten in den höchsten Kader, hier den B-Kader, berufen, weil für das A-Kaderprädikat (2016 zumindest Platz eins bis drei bei einer EM als Vorleistung) keine Läufer zur Verfügung standen. Erfolg konnte dieser Kader aber nicht umsetzen. Der Deutsche Meister 2016 Benedikt Huber und der damals Schnellste Im Lande Sören Ludolph, seines Zeichens 2012 schon mal Olympiateilnehmer, vertraten Deutschland bei den Europameisterschaften in Amsterdam.

Die 800m der Männer sind da nicht unbedingt die Ausnahme zur Regel, weil die Kaderberufung des DLV auf der Basis von Kaderrichtlinien erfolgen, die gelinde gesagt ein wenig kompliziert und theoretisch sind. Wo Jogi Löw bei der Leistungsbestimmung viel Autorität und Kompetenz aufbringen muss, um die Komplexität des Fußballspiels auf Leistungsfaktoren umlegen zu können, gibt es in der Leichtathletik klare Vergleiche über bis auf’s Hundertstel messbare Zahlen und Platzierungen bei den wichtigsten Wettbewerben. Die Formel wäre dann ganz einfach: Die 8 besten Athleten einer Disziplin unter besonderer Berücksichtigung der Deutschen und internationaler Meisterschaften  bilden den jeweiligen Nationalkader unabhängig vom Alter oder anderer besonderer Beziehungen. Nach derzeitigem Stand ist Deutschlands bester 800m Läufer diesen Jahres Benedikt Huber, zudem nur hauchdünn am EM-Finale gescheitert, aber zu „schlecht“ für den Bundeskader. Lustig aber wahr.

Wer sich im Kleinen verliert, übersieht gerne das Große, das Erfolgreiche. Man kann das Erfolgreiche im Kontext – wie DLV-Cheftrainer Idriss Cheick Gonschinska so gerne zu sagen pflegt, nicht ständig mit Kleinigkeiten hinterfragen. Dazu wieder einmal das Beispiel Löw: Trotz großer Bedenken aller selbsternannter Fußball-Chefanalytiker waren die beiden nun in Rente gehenden Oldies Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski wie selbstverständlich bei der WM dabei. Löw schenkte ihnen das für den Erfolg so wichtige Vertrauen und Schweinsteiger schenkte im dafür ein wunderschönes und auch wichtiges Tor.

Vertrauensvoll ist die Zusammenarbeit der DLV-Sportspitze mit seinen Athleten/Innen nicht immer. Der Arithmetik am grünen Tisch des Cheftrainers wird bisweilen mehr Vertrauen geschenkt, als den Menschen, die sie dann erfüllen sollen. Da posaunt man im unmittelbaren Vorfeld der Spiele noch hinaus, dass Medaillen und Nationenwertung an Wertbetrachtung verloren hätten und kurze Zeit später jammert man sich schon wieder zu Tode über „nur“ drei Medaillen und einem schlechten Olympiaabschneiden. Mitnichten ist die Situation so.

Warum? Die Grundbedingungen für Topleistungen ins Kalkül ziehend, ist das Hochleistungssystem Deutschland denen der vor uns platzierten Nationen heillos unterlegen, sozusagen nicht konkurrenzfähig. Einem Netz mit Löchern kann man noch so viele Kontexte drauf pflastern und es wird trotzdem nur wenig Topleistung halten können. Das geht bei den gelinde gesagt unerträglichen Forderungen des Sportministers de Maizière los und endet in solch Kleinigkeiten wie etwas „danebenliegenden“ Kaderrichtwerten. Mal sehen, welche Überraschungen die diesjährige Kaderliste bereithält.