Es gibt für den Bereich Lauf 2020 nur noch nationale Titel über 800 Meter
Musste diese DLV-Entscheidung schon Anfang Juni fallen?

Huber,Benedikt1Regensburg, 06. Juni 2020 (orv) – Regensburg ist eine Läuferhochburg. Wer derzeit am  Oberen Wöhrd, der Trainingsstätte der LG Telis Finanz, vorbeikommt, sieht dort in den Abendstunden inzwischen wieder einen auf den ersten Blick ganz normalen Trainingsbetrieb. Nur Insidern ist ersichtlich, dass in den einzelnen Laufgruppen der Abstand der miteinander trainierenden Athleten ein bisschen entfernter ist. Bisweilen mischen sich auch verirrte Jogger darunter, denen die anwesenden Trainer dann sanft beibringen müssen, dass der Gesetzgeber dies in Coronazeiten explizit verbietet, was man auf einer kleinen Hinweistafel am Eingang zur Kunststoffbahn auch tatsächlich nachlesen kann. Spricht man den Teamchef der erfolgreichsten deutschen Lauftruppe Kurt Ring auf’s derzeitige Training seiner Schützlinge an erfährt man nicht Erwartetes aus dem Munde des sonst so auf Erfolg fixierten Coaches. „Es ist wie auf einem Weg, auf dem Du gehst und Du weißt nicht, hinter welcher Ecke das nächste Ziel liegt“.

Für Deutschlands Topläuferinnen und –läufer war die Woche wie ein Keulenschlag immensen Ausmaßes. Zuerst erfuhren sie, dass sie beim „Leuchtturmprojekt“ Deutsche Meisterschaften am 8. und 9. August in Braunschweig nur als Zaungäste, sozusagen als Einlagewettbewerb mit veränderten Vorzeichen über 800 Meter dabei sein sollen. Dann folgte tags darauf die komplette Absage aller Deutschen Laufmeisterschaften ab der Länge von 1.500m vom Stadion, über die Straßenwettbewerbe 10km, Halbmarathon, Marathon, 50km und 100km bis zum Berglauf, ohne überhaupt nach Alternativen zu suchen oder bei der Laufbewegung nachzufragen. Das Regensburger Team hat allein im letzten Jahr 19x nationales Lauf-Gold geholt, die meisten eben genau bei diesen Meisterschaften, die nun unterm Fallbeil des DLV geköpft wurden. Das hätte auch in diesem Jahr so sein sollen und der Anfang bei der Cross-DM, Anfang März in Sindelfingen, war mit vier Siegen in den Hauptklassen der Männer und Frauen vielversprechend.

„Gerade der Meisterschaftsablauf im Straßenlauf mit bis zu hundert Eliteläufern an einem Herbstsamstag, sowie gleich vielen Seniorensportlern tags darauf auf einem breiten Straßenkurs mit Einzelstarts im Dreißig-Sekunden-Takt, beginnend mit dem Schnellsten in der Meldeliste, wäre leicht möglich. Größere Pulks wären dann ausgeschlossen, Zirka sechs Meter Straßenbreite sollten zum Überholen mit Abstand reichen. Wo ein Wille wäre, könnte auch ein Weg sein, da braucht man kein Hygiene- und Abstandskonzept über dreißig Seiten“, protestiert Ring, „in Berlin wird der Wille zum Handeln an diesem Sonntag schon umgesetzt.“ In der einsamen Peripherie der Hauptstadt wurde dort ein 10km-Straßenlauf organisiert und auch genehmigt. Die Teilnehmerzahl ist minimal, aber unter den fünfzehn Roadrunners befinden sich mit Alina Reh, Kathi Granz und desn Schöneborn-Zwillingen absolute deutsche Spitzenläuferinnen. Regensburg will am 4. Juli mit seiner 3.000m Challenge nachziehen und hat dazu beim örtlichen Ordnungsamt ein kurzes, aber klar verständlichen Hygiene- und Abstandskonzept zur Genehmigung eingegeben. Dieses Konzept ist inzwischen in etwas modifizierter Form über den Bayerischen Leichtathletik-Verband auch beim bayerischen Innenministerium gelandet.

„Laufwettkämpfe sind kontaktlose Wettkämpfe, das Berühren mit Konkurrenten  mittels Armen und Beinen ist streng genommen ein Regelverstoß. Beim Nebeneinanderlaufen oder Überholen ist unser Regelvorschlag, die Außenkannte der nächsten Bahn zu benützen. Die ist dann mehr als eineinhalb Meter weg. Beim Hintereinanderlaufen ergibt sich der gebotene Abstand von selbst. Käme man seinem vorauslaufenden Konkurrenten näher als einen Meter, würde man ihm in die Füße treten. Kurzfristige Regelverstöße im Augenblickszeitraum können als unvermeidbar wie auf dem Marktplatz oder an einem unübersichtlichen Häusereck auf Grund der niedrigen Neuerkrankungszahlen billigend in Kauf  genommen werden“, erklärt Ring seinen Denkansatz. Der Österreichische Leichtathletik-Verband hat dieses Gedankengut bereits modifiziert in die Realität umgesetzt. In der Schweiz beginnt nächste Woche schon der uneingeschränkte leichtathletische Wettkampfbetrieb und Ende Juli findet in Davos dort auch der traditionelle Swissalpine über 68 und 43km statt.

Genauso, wie bei Deutschlands Weltklasse-Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause, stößt der Braunschweiger DM-Ansatz mit 800m, ausschließlich in Bahnen mit jeweils einer freien Bahn dazwischen gelaufen und ohne den Rest der üblichen Mittel- und Langstreckenentscheidungen, auch beim Regensburger Leichtathletik-Macher auf totales Unverständnis. „Im Grunde starten dort nur professionell trainierende Athleten/Innen. Die würden mit Sicherheit auch finanziell in einen möglichen Start investieren. Bei so einem Klientel kann man auch einen medizinischen Corona-Test fordern, gezahlt aus Athletentasche, um deren Gesundheit zu attestieren und schon bräuchte es keine Abstandsregeln mehr. Gesunde Sportler können andere nicht anstecken. Natürlich, die Grauzone der Inkubationszeit bei viralen Ansteckungen bleibt, da beginnt aber für mich der sprichwörtliche Streit um des Kaisers Bart“, fährt Ring fort.

Ein Vorstoß des DLVs in dieser Richtung ist nicht bekannt, das Konzept des DLV-Generaldirektors Sport Idriss Gonschinska ist zwar nicht uralt, aber zumindest in der schnelllebigen Zeit der Corona-Öffnungen wohl zu unflexibel und auch ein bisschen hintendran, zumindest wenn man in die Nachbarländer schaut. Ring kommentiert das auf seine Weise. „Solche Konzepte des DLVs sind in der Regel riesig lang, wollen jeden Spezialzwischenfall ausschließen und behindern dynamische Entwicklungen, wie sie im Sport oft passieren, mehr als dass sie förderlich wären. Kurz gesagt, man schießt sich mit seiner eigenen überschäumenden Klugheit selbst ins Bein oder anders herum gedacht: Man muss nicht von vornherein immer versuchen, tote Hunde zu wecken.“ An der Basis der olympischen Kernsportart Nummer keimt nicht nur in Regensburg ob der Verbandsstrategie in Sachen „Restplanung nationale Meisterschaften 2020“ massive Kritik auf.