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© Lothar Pöhliz - Es gibt keine goldenen Regeln für Läufer, um im Verlaufe eines langfristigen Trainingsaufbaus von Kindern zum Jugendtraining, vom Nachwuchsleistungs- zum Hochleistungstraining verletzungsfrei zu bleiben. Die für mich wichtigste Erfahrung ist, dass Trainer und ihre Läufer schon früh mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheit und die Vermeidung oder Reduzierung von Verletzungen wahrnehmen müssen. Die Lehre von einem systematischen Trainingsaufbau, von der Gesundheit, den Ganzkörpervoraussetzungen eines Leistungsläufers, der Regeneration, Ernährung und viel Schlaf muss deshalb in die Ausbildung aktiver als bisher integriert werden.

Nur wenn der „Kellerbau“ im Kinder- und Jugendtraining gewissenhaft erfolgt, kann darauf eines Tages ein Leistungssport-Hochhaus errichtet werden. Leider wird oft schon in der Phase des Nachwuchsleistungstrainings oder auch eines leistungsorientierten Trainings an einer Sportschule versäumt, die zum Training gehörenden „Prinzipien zur Belastungsverarbeitung“ zu lehren, anzubieten und zu überwachen. 

Aber auch in ungenügend vorbereiteten neuen höheren Belastungen, in oder vor sogenannten Basisphasen (wie z.B. im 1. MEZ) oder Versäumnissen in der komplexen Regeneration und den Physiotherapie-Angeboten im Hochleistungstraining, findet man Ursachen für Verletzungen.

Alles beginnt im Kindertraining und der Fach-Kompetenz der Ausbilder, der Kids-Coaches. Zu oft werden Kinder / Talente von ihren Mamas oder Papas als Nicht-Sportlehrer, „mit Selbst-Erfahrungen aus ihrer sportlichen Vergangenheit“ trainiert. Ihr Ehrgeiz trifft zu selten die notwendige individuelle Belastbarkeit, sie nehmen sich zu wenig Zeit für den Bau des „Kellers“ und übersehen, wenn ihr Mädchen oder Junge in ihrer komplexen körperlichen Entwicklung, im Organismus oder Skelettsystem Defizite hat. 

Natürlich versäumen auch ausgebildete Kinder-Trainer einmal die jährliche sportmedizinische Grunduntersuchung bei entsprechenden Fachärzten / Klinik für ihre Kinder zu organisieren.

Trainererfolge werden schon im Kindertraining in einem positiven Trainingsklima im gegenseitigen Vertrauen geboren. Motivation und Lob sind die Triebfedern für mehr. Vor allem wenn „kleine Mädchen oder Jungen“ an ihre Trainer glauben, sie „lieben“ und überzeugt sind, dass sie es mit ihnen schaffen, glauben sie an Siege und sorgen zu Hause dafür, dass es ihnen gut geht. Spitzenleistungen setzen Talent, das Wollen und die Bereitschaft der Athleten voraus, alles für die gesetzten Ziele zu tun. Die „Erbanlagen, ihre Stärken und ihre Schwachstellen zu erkennen“ und einzuwirken ist frühe Trainer-Aufgabe.

Die bei Kindern unterschiedlichen Entwicklungsphasen, das Talent, das plötzlich auffällig besser wird als die anderen, ihre aktuelle Konstitution oder auch erkennbare Körper-Schwachstellen sind in den Aufgaben zu berücksichtigen. Dabei weiß jeder Trainer wie schwierig das ist.

Die individuellen Anteile an den zu unterscheidenden drei Muskelfasertypen (Sprinttyp / Ausdauertyp / Mixedtyp) sind weitestgehend „ererbt“, genetisch vorgegeben und sind durch Training zu verstärken, aber wenig veränderbar. Allerdings können durch zielgerichtetes Training die Stoffwechseleigenschaften der Muskelfasern trainiert werden. Der Anteil schneller und langsamer Muskelfasern ist von Muskel zu Muskel unterschiedlich und individuell. Unabhängig vom Einstieg ins Kindertraining sollte der Trainer in der Lage sein nach etwa 2 Jahren die „Stärken, den Typ“ seiner Kids zu erkennen und die richtig schnellen nicht zum Langstreckler ausbilden zu wollen.

              In keinem Muskel kommt ausschließlich ein Fasertyp vor.

Im Kindertraining wurden in der Vergangenheit drei Wachstumsphasen beobachtet:

Von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr verdoppelt sich die Körpergröße. Danach, bis zur Pubertät, wachsen Kinder pro Jahr um 5-6 cm.

Die für das Kindertraining wichtigste Wachstumsphase fällt in der Regel in die Zeit der Pubertät. Die Körpergröße von Kindern und Jugendlichen steigt bis zu 12 cm pro Jahr, in Ausnahmen sogar mehr. 

Dabei übersehen wir nicht selten das die inneren Organe nicht parallel zur Körpergröße gewachsen sind.

Es ist zu beobachten, dass länger verletzte oder kranke Kinder in solchen belastungsfreien Zeiten auffällig größer wurden. Fachärzte haben uns darauf hingewiesen, dass aber Vorsicht geboten ist, weil mit der nun größeren äußeren Körperhülle, die inneren Organe nicht gleichermaßen schnell mitgewachsen sind und sie „Zeit zur Reife“ brauchen. 

Im Leistungssport hat sich gezeigt, dass Lauf-Spätentwickler in diesem Alter, bei weiterem, oft ehrgeizigen Training, sogar zu Medaillen bei großen Events im Erwachsenenalter fähig waren. 

Spätentwickler sind Kinder, die sich in wesentlichen Entwicklungsmerkmalen durch einen deutlichen Entwicklungsrückstand (Retardation) im Vergleich zu normal entwickelten ihres jeweiligen kalendarischen Alters unterscheiden. 

Frühentwickler im Sport sind den Normalentwicklern um 1,5-2 Jahre voraus, in der Körperkonstitution, hin und wieder auch im intellektuellen Auftreten, in den Leistungen und damit auch in der Wertschätzung ihres Umfeldes. 

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Kinder im BASICS - Grundlagentraining „anders“ auf das Jugendtraining vorbereiten

Im Kindertraining der Phasen BASICS 8-12 & BASICS 12-14 sollen die Grundlagen für ein danach folgendes leistungsorientiertes Training und Belastungen in Vorbereitung auf das Hochleistungstraining gelegt werden. Für jede eingesetzte Trainingsübung muss zuerst, bei wenigen Wiederholungen, die Technik, die richtige Bewegungsausführung gelehrt werden. Erst danach werden die Anzahl der Wiederholungen und die Widerstände vergrößert. 

Dies gilt für alle nacheinander folgenden Trainingsphasen- bzw. Jahre.  

Eine besondere Aufgabe für zukünftige Läufer besteht in der systematischen Entwicklung der inneren Organe, vor allem Herz und Lunge, der Muskulatur und des Skelettsystems, der Füße, des Zentrums und der Gelenke. Die notwendige Wirkung wird im Kinder- und Jugendtraining bei zunehmenden Belastungszeiten mit niedrigen und mittleren Intensitäten erzielt. 

Um die gewünschte Ausdauer-Leistungsfähigkeit von Läufern vorzubereiten, erfordert auch langsames bis mittleres Ausdauertraining. Durch Ausdauerspiele oder Wald- / Geländeläufe immer länger vor allem in der BASICS 12-14 Phase, werden Herzgrößen, das Lungenvolumen und das Immunsystem gezielt aufgebaut. Dies gilt besonders auch für Schüler und Schülerinnen, die um die 7.Klasse, in eine Sportschule wechseln.                        

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Aber auch die mentale Stärke muss aufgebaut werden -

schließlich kommen sie zum Training,

weil sie Beste sein, gewinnen wollen.

Das müssen sie erleben dürfen.

Mentales Training bedeutet:

Sie müssen es sich vorstellen können und nach dem vermittelten Vorbild praktisch üben 

Eine Verbesserung von Bewegungsabläufen bedarf einer bewussten intensiven Vorstellung des späteren, tatsächlich auszuführten Bewegungsablaufs und der Akribie des Trainers bis zur perfekten Ausführung. Die erzielte Wirkung hängt davon ab, wie gut es gelingt, die Bewegung optimal vorzumachen, damit die Kinder die Bewegung einfach nachmachen können. Für ein wirksames Training ist ein Wechsel zwischen dem mentalem Vordenken und dem praktischen Training wichtig, die Handlung in der Vorstellung immer wieder mit der ausgeführten wirklichen Bewegung abzugleichen, zu stabilisieren oder weiter zu verbessern.

Bewegungen werden durch bewegen besser

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Ist das Training zu anstrengend oder zu hart wird die „Handbremse angezogen“ oder das Training bzw. Wettkämpfe werden früher beendet. Dafür ist wohl der Begriff „mentale Stärke“ erfunden worden. Sie widerspiegelt den psychophysischen Entwicklungsstand des Läufers der nur durch vorstellen und Training - learning by doing - entwickelt, verbessert wird. Dafür hat das Gehirn offensichtlich für weniger Tempo reduzierte Befehle, für schnelleres Laufen stärkere Signale. Also sind reizwirksame Anstrengungen aller Körpersysteme, die im Wettkampf gebraucht werden, nötig um das Gehirn zu „fordern“ um Zweifel, Schmerzen oder auch Versagensangst zu verdrängen, zu überzeugen oder zu besiegen. 

Das bedeutet zugleich das nur mittelmäßige Anstrengungen im Training zu nur mittelmäßigen Informationen an die Systeme führen und man davon ausgehen kann, dass das Gehirn schneller lernt zu arbeiten, wenn es die dafür notwendigen Informationen erhält.

Gedanken, Wahrnehmungen und Vorstellungen von Siegen führen also dazu, dass die Beine, die Systeme des Organismus eines Tages tun was das Gehirn „befiehlt“, vorausgesetzt die physischen Voraussetzungen für das jeweilige Ziel sind entwickelt, die Informationen vermittelt. Nur was das Gehirn „gestattet“, im Gehirn gespeichert ist kann abgerufen werden. Wer blass am Start steht und da schon Angst vorm Schmerz hat, der gleich kommt, hat schon verloren.

„Die Kindheit ist die Lebensphase, in der das meiste Wissen und Können angelegt wird. Deshalb sind große Investitionen in die frühe Bildung und in gute Lehrer wichtig. Die Gene sind der Rucksack und diesen Rucksack muss ich füllen. Wer sein Gehirn nicht füttert und fordert sollte sich nicht wundern, wenn die Ergebnisse ziemlich übersichtlich bleiben“                                                                           (Hannah Monyer - „Das geniale Gedächtnis“ A. Kraus-Verlag)

Athletik, Kraft und Beweglichkeit verhindern Verletzungen

Mit jedem Zentimeter größer und jedem Kilo Gewichtszunahme verändern sich die Laufschritte. Darauf muss die Ganzkörpermuskulatur, die Füße, Knie, Bauch und Rücken und der Oberkörper vorbereitet und immer wieder „nachjustiert“ werden. Eine stabile Körpermitte ist eines Tages für eine optimale Lauftechnik über die Zeit unterschiedlich langer und intensiver Wettkämpfe wichtig.  

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„Ein Mangel an Körperstabilität bedeutet, dass man Energie zum Ausbalancieren von Muskelschwächen aufwenden muss, die man besser für die Fortbewegung verwenden könnte. Das führt langfristig zu Überlastungen.“ Michael Fredericson, Prof. Sportmedizin Stanford University (USA).

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Die Lehre von der komplexen Ernährung und dem Schlaf 

Und auch die Mengenlehre auf dem Teller sollte Teil des frühen Kindertrainings sein, weil die Ernährung und der Schlaf Auswirkungen auf das Wachstum auf das Regenerationstempo und auch auf mögliche Verletzungen haben. Ausgewogene komplexe Ernährung (Proteine, Kohlenhydrate, Mineralien und Vitamine in ausreichender Menge), Flüssigkeit vor und nach dem Training, Obst, Vollkornbrot, und Gemüse, aber auch Fleisch oder Fisch und mindestens 8 Stunden Schlaf sind für den wachsenden und trainierenden Organismus von besonderer Bedeutung. 

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*Lothar Pöhlitz – seit 1957 Dipl.- Sportlehrer für Leistungssport / Sportwissenschaftler / 1959-1971 Trainer und Cheftrainer beim SC Chemie Halle / 1971-1979 Leiter des Wissenschaftlichen Zentrums Lauf/Gehen im DVfL / 1979-1985 Sprinttrainer beim TSV Bayer 04 / 1980 - 1998 DLV- Bundestrainer Lauf / zuletzt Teamleiter Marathon / Straßenlauf / 3x Olympia-Trainer für Deutschland / Langjähriger Dozent an der Trainerakademie Köln und DLV-Trainerschule 
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