Ein Kommentar von Lothar Pöhlitz*

Die Athleten haben DANKE gesagt, dass die Olympischen Spiele, wenn auch unter nicht einfachen Bedingungen im Vorfeld und auch noch in Tokyo, stattfanden. Danke, auch den japanischen Organisatoren. Es gab viel Lob, sie haben wohl alles ihnen Mögliche für die Sportler „sehr gut“ getan. Danke den Athleten und ihren Trainern für die vielen Spitzenleistungen der Olympiasieger und ich meine den jeweils ersten Acht in den Finals. Die vielen tausend Zuschauer beim abschließenden Marathonlauf haben gezeigt, dass, im Gegensatz zur Vorberichterstattung, auch große Teile der Bevölkerung froh über die gelungene Präsentation ihres Landes waren.

Die Ergebnisse haben gezeigt, dass sich nicht nur die USA, China und Japan, sondern auch Großbritannien, Australien und unsere Nachbarländer besser, viel besser als GERMANY vorbereitet haben. Für Deutschland ist ein 9. Platz im Medaillenspiegel zu wenig, wir haben schon viel mehr zu Wege gebracht. Da helfen keine Ausreden, Statements, Entschuldigen. Alles ist das Ergebnis von „Arbeit im und für den professionellen Hochleistungs- und auch Nachwuchsleistungssport“, aber auch des vorbereitenden Kinder- und Jugendsports in den Landesverbänden.

Das IOC sollte sich nie verzeihen, Olympiateilnehmer, die sich mehr als zehn Jahre auf diesen Höhepunkt intensiv vorbereitet haben, 48 Stunden nach ihrem Einsatz nach Hause zu schicken und ihnen das Leben in einem Olympischen Dorf, die Emotionen eines Landes und die tolle Abschlussveranstaltung vorenthalten zu haben.

Natürlich geht es in dieser kleinen Bestandsaufnahme nach den Olympischen Spielen in Tokyo 2021, nach einem fünfjährigen Olympiazyklus, aus der Sicht eines Insiders, vor allem um die Leichtathletik-Laufdisziplinen, als einem wichtigen Teil des Hochleistungssports. Der Grad war schmal, zwischen Triumph und Absturz nach den zu langen Corona-Einflüssen, den immer wieder beklagten zu vielen Verletzungen, den ausbleibenden Hilfen und dem natürlich zu geringen „Zulauf“, resultierend aus den Versäumnissen im Nachwuchsleistungssport der letzten Jahre. Am Ende zeigte sich, dass zu viele unserer weltweiten Gegner besser als Deutschlands Spitzenathleten*innen vorbereitet waren.

Noch vorweg: alle Olympiateilnehmer hatten in Tokyo die gleichen schwierigen Bedingungen, „die Herausforderungen dieser Zeit anzunehmen“, wie es Idriss Gonschinska bei der DLV-Spitzensport-Tagung im Oktober in Kienbaum sagte, also auch die USA, China, Japan, Russland und auch unsere Nachbarländer, die sich besser in Szene setzen konnten als unsere 90 Olympiateilnehmer.

In den Jahren zwischen den Olympischen Spielen ist der Fußball im Mittelpunkt der Medien. Der Der plötzlich Schrei in Fußball losen Wochen nach „Medaillen - Medaillen - Medaillen“ wird dann eher Bürde als Motivation. In all den Jahren vor Olympia hatten sie wenig Platz für die olympischen Sportarten. Diesem Druck musste die Olympioniken erst einmal gerecht werden, angesichts dessen, dass in immer mehr Ländern außerhalb Europas inzwischen, auch nach zwischenzeitlichen Flauten, wieder Leistungssport gemacht wurde.

Die Funktionäre lebten von viel Optimismus und Hoffnungen, vielleicht sogar in dem Glauben, dass wir noch wie einst zur Weltspitze gehören. Das Schlimme aber ist, dass sie sich nun auch noch bemühen, „Zufriedenheit“ zu verbreiten. Dabei weiß die Mehrzahl der Trainer*innen schon seit längerem, dass wir nur noch eingeschränkt konkurrenzfähig sind, der Rückstand gegen die Weltbesten teilweise erschreckend ist. Am 8.8.2021 ordnete sich die Leichtathletik letztendlich in den Kreis der vielen enttäuschenden anderen Sportarten ein.

Olympiasieg - der schönste, größte Moment eines Sportler- und Trainerlebens

Bronze war Deutschlands Gold und alles danach wurde – das war eigentlich neu – von den Moderatoren schöngeredet. Gold und Weltbestleistungen erfordern aber Perfektion, „Arbeit“ über Jahre, die Hilfen der Medien, auch der Industrie und Sponsoren. Basis-Kindersport ist wohl auch in China Voraussetzung, wenn eine 15Jährige vom 10m-Turm sensationellen Sprünge mit 10er Wertungen zeigen kann oder ein 19jähriges US-Girl von vorn die 800m in 1:55,21 mental so stark läuft?

Unser Problem ist, dass w i r „Kindersport in jedem Ort überhaupt wieder wollen müssten“.

Die große Lauf-Hoffnung  Gesa Felicitas Krause, belohnte sich, ihren Coach Wolfgang Heinig, und den DLV über 3000 m Hindernis nicht mit der von ihr erwarteten Lauf-Medaille. Sie hatte nach umfangreichen Höhentrainingsjahren an diesem 4. August in Tokyo bei eigentlich „nur“, also günstigen 62% Luftfeuchtigkeit im gesamten Rennen nichts mit der so sehr erträumten olympischen Medaille zu tun. Im Interview ließ sie die Frage unbeantwortet, warum sie der Spitze nicht folgte und erst auf den letzten drei hundert Metern gezeigt hatte, was sie eigentlich kann. Sie wurde bei nur mittlerem Renntempo (WR 8:44,32) in 9:14,00 Fünfte.

Deutschland nach 5 Jahren „Arbeit“
       
Der Abstand zu den Weltbesten wurde in Tokyo noch größer.
2016 in Rio de Janeiro gab es für Deutschland, als fünftbestes Land in der Nationenwertung 42 Medaillen (17 Gold, 10 Silber und 15 Bronze). 2021 in Tokyo wurde Deutschland „NEUNTE“ in der Nationenwertung mit 37 Medaillen (10 Gold, 11 Silber, 16 Bronze) hinter USA – China – Japan – GBR – ROC – Australien – Niederlande – Frankreich. Italien hatte auch mehr Medaillen, lag nur hinter uns , weil es im Gegensatz zu Deutschland eine Silbermedaille weniger, aber drei Bronzemedaillen mehr hatte.

Ein Tiefpunkt in der Medaillenbilanz seit 1992

Der Beitrag der Leichtathletik in 47 Disziplinen waren 3 Medaillen (1 – 2 – 0) und Platz 9 in der Welt. Gold gab‘s für Malaika Mihambo im Weitsprung, Silber für Christin Pudenz mit dem Diskus und überraschend für Jonathan Hilbert über 50 km Gehen. Das war´s. Die größte Enttäuschung wohl für alle war Johannes  Vetters Ausscheiden im Speerwurf-Vorkampf als Neunter. Die größte Medaillen-Bank war „geplatzt“.  2022 sind die EM in München, Weltmeisterschaften in Eugene/USA und 2024 Olympische Spiele in Paris, und unsere Besten wollen wieder erfolgreich sein. Dafür brauchen sie professionelle Hilfen.

Temporennen von 800 – 10.000m bei Olympia gab es so noch nie

Gesa Krause wurde gute Fünfte, sie wollte mehr. Wer ihren Aufwand in den Höhenlagen der Welt seit mehr als 10 Jahren kennt, hätte ihr die Medaille so sehr gewünscht, Hochleistungssport aber ist kein Wunschkonzert.
Großartig Melat Kejeta, die bei 28 Grad und 77% Luftfeuchtigkeit einen 6.Platz in ihrem erst zweiten Marathon mit 2:29:16 Stunden erkämpfte und damit größten Respekt verdient. Wenn man bedenkt, dass im Marathonlauf erfahrungsgemäß bei Außentemperaturen wärmer als 25 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit der Leistungsverlust 8-10 Minuten beträgt, kann man auch den Wert der Leistungen von Deborah Schöneborn und Katharina Steinruck erst richtig einschätzen. Viele schlechter abschneidende andere Disziplinen mussten sich in ihrem Wettkampf nicht zweieinhalb Stunden „quälen“.

Eine richtig gute Leistung lieferte Konstanze Klosterhalfen nach vielfältigen Verletzungen, nach nur 8 Wochen Laufvorbereitung, bei noch dazu grenzwertigen Bedingungen als Achte über 10.000m in 31:01,97 Minuten. Der deutsche Rekord wurde nur knapp verfehlt. Sie bleibt mit Abstand unsere derzeit beste Bahn-Langstrecklerin. Da sollten die Medien langsam registrieren, das Alberto Salazar inzwischen schon Jahre aus dem Verkehr gezogen wurde und die USA in Tokyo gerade wieder gezeigt hat, über welches trainingsmethodische Niveau sie in der Leichtathletik verfügen.

18 Mittel- und Langstreckler fuhren zu den Olympischen Spielen

Am 3.7.2021 nominierte der DOSB 90 deutsche Leichtathleten für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio (30. Juli bis 8. August). Davon 18 für die 12 Laufdisziplinen der Frauen und Männer.

Die Disziplinen 800 und 10.000 m Männer und 5.000 m Frauen blieben unbesetzt. In den Vorkämpfen scheiterten:
Christina Hering (800 m), Hanna Klein (1500 m), Karl Bebendorf (3000 m Hi), Katharina Trost 7. von 8 in 2:02,14 im HF (20.), Amos Bartelsmeyer (1500m), Elena Burkard und Lea Meyer (3000 m Hi), Mohamed Mohumed (5000 m), Robert Farken im 1500m HF, Catarina Granz* (1500m), die Plätze 26 – 30 – 50 im Marathon belegten Richard Ringer, Amanal Petros und Hendrik Pfeifer.

Kleine Anmerkung meinerseits am Rande: wer hat nur diese unsinnige Empfehlung gegeben, dass Mittelstreckler nach ruhigem Beginn, bevor es zum Spurt kommt, im Pulk an der Innenkante laufen sollen. Mehrfach waren so Stürze in den engen, langsamen Feldern an der Tagesordnung.

2022 finden Heim-EM in München und WM statt, 2024 Olympische Spiele in Paris
 Man bedenke bei einem Neubeginn, für die Arbeit in der Zukunft:

Im 5.000 m Lauf der Frauen reichten 14:59.93 - im 800 m Lauf der Männer 1:44,35 Minuten nicht für die Finals

In den 800 m Halbfinals liefen 16 Männer unter 1:45,00min, nach einer ersten Runde in 57,9 Sekunden siegte die    19jährige Athing Mu (USA) über 800 m der Frauen von der Spitze weg in 1:55,21 Minuten

Für die zwölf Finalplätze über 1500 m der Frauen musste zwischen 3:56,80 und 4:01,23 Minuten gelaufen werden -  - für das 400 m Frauen-Finale qualifizierten sich alle acht Läuferinnen mit Zeiten unter 50,00   Sekunden.

Beim 5.000 m Lauf der Männer waren nach vier Kilometern noch auf Kurs für Zeiten unter 13 Minuten, die Medaillen wurden bei 12:58,15 – 12:58,61 – 12:59,05 Minuen vergeben.

Im 1.500 m der Frauen tat Sifan Hasan alles für schnelle Endzeiten. Am Ende gewann Faith Kipyegon (KEN) in 3:53.11 vor Laura Muir (GBR) 3:54,50 und Sifan Hassan in 3:55,86 Minuten und weiteren fünf Läuferinnen, die unter 4:00,00 Minuten.

Wir konnten es schon einmal: Vielleicht erinnern sie sich, dass 1984 in Los Angeles Roswitha Gerdes (lange Jahre DLV-Team-Ärztin) über 1.500m in 4:04,41 Minuten den 4.Platz belegte. 1983 gewann Brigitte Kraus bei der WM über 3000m mit 8:35,11 Silber.

F A Z I T: Die Läuferwelt in und außerhalb Europas kämpfte mit erstaunlicher Präsentation, mit mentaler Stärke, mit vielen Spitzenleistungen um Anerkennung. Deutschlands Läufer sind auch im Bereich ihrer derzeitigen Bestleistungen international nicht konkurrenzfähig. Die Anstrengungen müssen auf breiter Front wesentlich erhöht werden. Auch wenn Zweifel angebracht sind, sollten wir über veränderte Bedingungen, Umfänge und Intensitäten nachdenken und nicht mit dem Finger abwertend auf die Besseren zeigen. Alle müssen öfter gegen Bessere schneller laufen wollen und um höhere Frequenzen in den Endphasen kämpfen. Frequenz-Spurts nach hohem Tempo auf der Strecke waren die Sieger-Waffen 2021 in Tokyo.  

Für die Doping-Kontrollen vor und während der Spiele, Sperren und Analysen sind sportmedizinisch-pharmakologische Institute und das IOC zuständig. Ein Grundverdacht ist leider nach wie vor berechtigt, dass sich  dadurch die Leistungsfähigkeit so mancher Topathleten*innen bei diesem sportlichen Hochleistungsfest verbessert hat. Die Emotionen nach Olympiasiegen haben gezeigt, welchen Stellenwert ein solcher Erfolg für den Einzelnen oder für Mannschaften nach 5 Jahren „Arbeit fürs Olympiaziel“ hatte.

Die Leichtathletik braucht schnell Veränderungen

36 Nationen haben in Tokio inzwischen Medaillen gewonnen. Wir müssen uns diesen Veränderungen offensiv stellen, wir müssen auch weiterhin dazugehören wollen, wir müssen schnell die Weichen neu stellen:

Es bedarf professionelleren Bedingungen, Top-Talente erden zu wenig entdeckt,  Profi-Trainer gibt es viel zu wenig, um mit den Talenten wie die Weltbesten zu trainieren.  Wir stehen am Beginn eines neuen verkürzten Olympiazyklus, läuferisch und mental. Vor allem im Sprint und Lauf, in der ganzen Welt das Leichtathletik-Gerüst, in dem im Vergleich zu Wurf und Sprung größten Konkurrenz-Potential, muss etwas passieren.

Ein erster Blick nach vorn: wir brauchen für alle Laufdisziplinen außergewöhnlich Begabte, einen größeren Aufwand, müssen mit Empathie um persönliche Bestleistungen kämpfen, das Höhentraining besser einsetzen.

Wer einen Blick zu den parallellaufenden Deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock wagte, muss sich auch Sorgen machen um das Talentpotential für die Zukunft, deren Körperlichkeit, Leistungsdarstellungen und sportliche Techniken, nicht nur im Laufen.

Basis für ein notwendig längerfristiges Denken in Richtung Brisbane 2032 ist natürlich der BASICS-Kindersport in den LV, der Nachwuchsleistungssport, und, überall dort wo unsere Besten für ihre Leistungsentwicklung ernsthaft trainieren, das „Führungs-Fach-Personal“.

Bei Erfolgen sind sie gern die Verantwortlichen

Unter der Führung von DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska - jetzt Generaldirektor – gewannen die deutschen Leichtathleten zuletzt 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nur drei von möglichen 133 Medaillen. Die Leichtathletik-Medaillenbilanz seit 1992 - der neuen Zeitrechnung nach der Wiedervereinigung – bis 2021 bei jeweils 133 Möglichkeiten, sieht so aus:

           Medaillenentwicklung DLV von 1992 bis 2021- gesamt

            1992    10    davon 4 x Gold
            1996    7    davon 3 x Gold
            2000    5    davon 2 x Gold
            2004    2    kein Gold
            2008    1    kein Gold
            2012    8    davon 1 x Gold
            2016    3    davon 2 x Gold
            2021    3    davon 1 x Gold

Die Ursachen der zu vielen Verletzten, den Versäumnissen an der Basis, der unmittelbaren Vorbereitung auf Wettkampfhöhepunkte, der mentalen Stärke, der Wettkampfsysteme auch des Nachwuchses, das WARUM  zu analysieren und Konsequenzen schnell einzuleiten, bleibt dem DLV vorbehalten.

Verantwortlich dafür sind für den nächsten Olympiazyklus Annett Stein, die aktuelle Cheftrainerin im Deutschen Leichtathletik-Verband und Dietmar Chounard als „Zulieferer aus dem Nachwuchsleistungssport für alle vier Disziplinblöcke“, weil eine Olympiavorbereitung ein langjähriger, zielgerichteter Prozess ist, indem Talente in den eigentlich „vier Böcken Sprint - Lauf – Sprung – Wurf“, Läufer und Läuferinnen in 12 Disziplinen, am besten auf Medaillen bei entscheidenden Höhepunkten, den Tag X eines Sportlers unterschiedlich vorbereitet werden müssen.

Eine solche Bestandsaufnahme kann nur Ursachen und Konsequenzen andeuten, wenn nun schon wieder in 2022 in München bei der EM, bei der WM und drei Jahren bei den Olympischen Spielen in Paris von den Medien Medaillen gezählt werden.

Olympia-Medaillen müssen unser Ziel bleiben

Olympia 2021 in Tokyo lehrt Athleten und Trainer, die eines Tages bei dem größten Sportfest der Welt Erfolge wollen, dass nur eine langfristige komplexe Vorbereitung auch auf die jeweiligen Bedingungen vor Ort Spitzenleistungen zulassen. Dazu gehörten diesmal neben den Leistungen der Besten der Welt, die Leistungserwartungen der Medien, das eigene Umfeld, die Hitze, die Luftfeuchtigkeit bis 98 % der Wind und die mentale Stärke.

Die Medienarbeit darf sich nicht, wie bisher, nach den Olympischen Spielen wieder vorrangig der Fußball-Bundesliga widmen und den Sport „vergessen“.

Auch viele deutsche Läufer und Geher gehörten nach dem 2. Weltkrieg zu den Medaillengewinnern bei sportlichen Höhepunkten. Aber es ist weniger geworden, sehr viel weniger. Waren Sie konsequenter?

Aber sie müssen nicht nur hinwollen, sie müssen auch wieder siegen wollen und sie müssen sich wieder - im Team – längerfristig, nach den Erfahrungen einer UWV, auf die zu erwartenden klimatischen Bedingungen (Hitze, Luftfeuchtigkeit, Wind) vor Ort vorbereiten dürfen.

Aktuell sind in den 12 Laufdisziplinen nur Gesa Krause (5.), Melat Kejeta (6.) und Konstanze Klosterhalfen (8.) in der Weltspitze. Sie haben bei Olympia gezeigt, dass Voll-Profis derzeit, vor allem weitgehend selbstorganisiert  Deutschland in der Weltspitze halten.

Wir brauchen neue, andere, wirksamere Strukturen, Teamarbeit, modernes Höhentraining und offensichtlich anderes Qualitäts- / Intensitätstraining, um den Schnellsten wieder folgen zu können. Das erfordert die Floskel „Erziehung zu …“ wieder in unserem Sprachgebrauch aufzunehmen.

Es fehlen u.a. Vorbereitungs-Wettkämpfe in Europa und gegen die Weltspitze. Den jungen Läufern im Nachwuchsleistungsalter sollten wir mehr Leistungsziele mit in die Rennen geben als leichte Siege und Medaillen zu feiern und sie an diesen Ergebnissen bewerten.

Der Nachwuchs fehlt. Mit Talent allein gewinnt man keine großen Meisterschaften. Mentalität, Qualität und ein Team drum herum sind Voraussetzungen für zukünftige Erfolge auf höchster Ebene.

Der Spitzensport braucht hochbegabte Talente und erfahrene Profi-Trainer, wenn die Sehnsüchte vieler sportbegeisterter Fans, der Medien, des DOSB, des DLV nach Podestplätzen bei Europa -, Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen erfüllt werden sollen. Dafür, aber auch für die Gesundheit der Nation, müssen der Schulsport und das Kindertraining in den Vereinen sich bald wieder an früheren Ansprüchen orientieren.

Es war noch nie leicht Talente, Rohdiamanten, Goldkörnchen oder gar Genies für eine Sportart zu finden. Sie und Ausbildungs-Fach-Personal in allen Altersklassen braucht man für Medaillen bei EM, WM oder OS.

Basis für ein längerfristiges Denken ist der BASICS-Kindersport in den LV und der Nachwuchsleistungssport, überall dort wo unsere Besten für ihre Leistungsentwicklung ernsthaft trainieren „Führungs-Fach-Personal“.

Die Bundesstützpunkte müssen, am besten in Zusammenarbeit mit den OSP, ausgestattet und professionell geführt werden. Sie müssen der „Trainingszentralisierung“ dienen, um Germany wie früher, wieder dem Weltniveau anzunähern. Dazu sind Egoismen nicht angebracht.

Solange Spitzensportler, die wöchentlich 25-30 Stunden trainieren, 6 Stunden für die Regeneration aufwenden und sich zwischen 60-120 Tagen jährlich in Höhen-Trainingslagern aufhalten müssen, nebenher noch Geld verdienen, arbeiten, studieren oder eine Ausbildung machen müssen, wird Deutschland nicht zu den besten Sportnationen in der Welt gehören.

Vor allem dafür, aber auch für die Bundesstützpunkte, muss sich die Trainerausbildung neu, am Niveau der Ansprüche, der erfolgten Leistungsentwicklung in der Welt, orientieren. Das schließt die leitenden Landestrainer für Leistungssport ein. Die 2012 angekündigte Traineroffensive ist ausgeblieben. Vielleicht sollten wir uns bemühen, die im Ausland erfolgreich arbeitenden deutschen Trainer, schnell zurückzuholen.

Die wilden Bewegungsspiele früherer Jahre unserer Jüngsten „draußen“ finden heute nur noch selten, die Spiele am Computer dafür umso öfter statt. Auch im Schulsport und außerschulischen Sport werden unsere Kinder nicht mehr auf das Leben vorbereitet, nur noch selten Talente erkannt und den Vereinen empfohlen. Deshalb müssen mit neuen Organisationsformen Kinder wieder für den Sport begeistert werden.

Ehrenamt im Kinder- und Jugend- und Spitzensport war gestern. Um gute Trainer zu finden und zu beschäftigen müsste man in Zukunft neue Wege gehen, vielleicht Sponsoren-Gelder in den Ländern, Regionen, Städten und Gemeinden, erbeten, „umleiten“, damit sie wie früher bereit sind für Deutschland zu arbeiten.

Das Recht auf Zukunft muss beinhalten, den Kindern schon der ersten Klassen im Rahmen der Bildung zu lehren, sich richtig und nachhaltig, zum Wohle ihres Körpers, für ein gesundes, belastbares und langes Leben in unserem schönen Lande, zu bewegen. Dafür muss der Schulsport schnell „revolutioniert“ werden. Das würde eines Tages auch dem DLV wieder zu Erfolgen verhelfen.

Geht nicht gibt es nicht. Der erste Schritt ist Veränderungen wirklich zu wollen. Die Sieger sind vorn, schon im Training.

Vor allem der DOSB, aber auch das Nationale Olympische Komitee müssen, unterstützt von unserer neuen Regierung und den Medien, den Kinder- Jugend- und Hochleistungssport erneuern wollen und die vorhandenen Konzepte schnell in der Praxis, d.h. vor Ort, in Schulen und Vereinen verwirklichen.


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*Lothar Pöhlitz - Dipl.- Sportlehrer für Leistungssport / Sportwissen-schaftler / 1971 - 1979 Leiter des Wissenschaftlichen Zentrums Lauf / Gehen im DVfL / 1979-1985 Sprinttrainer beim TSV Bayer 04 / 1980-1998 DLV-Bundestrainer Mittelstrecke – Lang-strecke - Marathon / zuletzt Teamleiter Marathon / Straßenlauf / 3x Olympia-Trainer für Deutschland / Langjähriger Dozent an der DOSB-Trainerakademie und DLV-Trainer-schule / 4 Fachbücher im Bereich Laufen