Foto: Rudolf Schabetsberger

Erkheim - Urlaub machen, Entspannen, die Seele und vor allem die Beine baumeln lassen: So etwas ist nach einer kräftezehrenden Saison wirklich bitter nötig. Und außerdem steht für die Erkheimer Leichtathletin Sabrina Hafner ja auch ein neuer Lebensabschnitt unmittelbar bevor. Es ist das Finale eines aufregenden Jahres mit vielen Höhenflügen, aber auch einigen kleineren Rückschlägen. Denn 2021 hat sich die 18-jährige Sportlerin, die für die LG Telis Finanz Regensburg an den Start geht, endgültig als eine der besten Nachwuchssprinterinnen Deutschlands etabliert.

Die definitive Bestätigung, dass Sabrina Hafner in der Riege der schnellsten Frauen der Republik angekommen ist, gab es am vergangenen Wochenende beim Internationalen Läufermeeting im Andorf. Dort pulverisierte die Unterallgäuerin förmlich ihre bisherigen Bestzeiten, setzte sich mit fulminanten 23,71 Sekunden auf Platz eins der deutschen U 20-Bestliste über 200 Meter und vollführte mit grandiosen 11,65 Sekunden über 100 Meter (Platz drei in Deutschland) den nächsten Quantensprung. „Ich konnte es zunächst gar nicht glauben“, bekennt eine immer noch verblüffte Sabrina Hafner tags darauf. „Natürlich waren die Bedingungen perfekt: 30 Grad und guter Rückenwind im erlaubten Rahmen. Aber dennoch ist es das Resultat unserer konsequenten Trainingsarbeit in den vergangenen Wochen.“ Ganz nebenbei erfüllte sie auch noch zwei Mal die Norm für die U 20-WM in Nairobi (Kenia), die in dieser Woche beginnt – allerdings ohne Deutschland, das den Termin wegen der unsicheren Corona-Lage in dem afrikanischen Staat schon vor Wochen abgesagt hatte.

Angedeutet hatte sich die Leistungsexplosion schon Ende Juli bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock. Hier gewann die Unterallgäuerin sage und schreibe zwei Medaillen und war damit die erfolgreichste Sprinterin der Titelkämpfe. „Ich habe mich endlich wieder topfit gefühlt“, lässt Hafner die Tage an der Ostseeküste noch einmal Revue passieren. „Und damit konnte ich zum Schluss noch einmal zeigen, was ich draufhabe.“ Denn die Wochen zuvor verliefen trotz eines nahezu optimalen Wintertrainings, für das die Erkheimerin drei bis vier Mal pro Woche trotz der Corona-Einschränkungen nach München in den Olympiastützpunkt fuhr, nicht optimal. Grund dafür war ein kleiner, aber spürbarer Muskelfaserriss im hinteren Wadenbereich, für die sensible Muskulatur von Sprintern ein maximales Hemmnis.

Obwohl Hafner schon Ende Mai in Weinheim mit 11,87 Sekunden zum ersten Mal die Schallmauer von zwölf Sekunden durchbrochen hatte, warf sie die Verletzung im Juni vorübergehend aus der Bahn. Was zur Folge hatte, dass sie zwar bei den entscheidenden Nominierungswettkämpfen zu den U 20-Europameisterschaften in Tallinn (Estland) wieder antreten konnte. „Aber gerade im Sprint müssen die schnellen Musikfaszien in der Wettkampfphase immer aktiviert bleiben.  Sonst wird es nichts“, erklärt Hafner. „Dass ein paar Tage Pause oder reduziertes Training schon zu einem Formknick führen können, habe ich nun selbst am eigenen Leib erlebt.“

Wieder eine dieser wichtigen Erfahrungen, mit denen sie gestärkt in die Zukunft blickt. Die EM verpasste Hafner zwar. Aber in Rostock wollte sie unbedingt zeigen, dass die deutsche Staffel, die in Tallinn Silber gewonnen hätte, mit ihr eventuell sogar noch einen Tick schneller gewesen wäre. Schon ihre Vorstellung über die 100 Meter ließ die Beobachter aufhorchen. Da kam eine groß gewachsene Sportlerin aus Bayern und rollte mit der Coolness einer Etablierten nach einem eher bescheidenen Start das Feld dann bravourös von hinten auf und schnappte sich auf den letzten zehn Metern völlig unerwartet Bronze in 11,95 Sekunden bei sage und schreibe -3,0 Meter pro Sekunde Gegenwind!

Tags darauf – dies hatten nicht nur ihre beiden Trainer Ruth Mayer und Reinhard Köchl erhofft – sollte es dann über 200 Meter sogar eine andere Medaillenfarbe werden. Bei wie immer böigen, ständigen drehenden Winden in Rostock legte Hafner im Vorlauf eine Machtdemonstration ohnegleichen auf die Kunststoffbahn und gewann dieser mit riesigem Vorsprung in neuer Bestzeit von 24,22 Sekunden. Plötzlich war Sabrina Hafner die Favoritin! Im Finale wollte sie es dann unbedingt wissen: So schnell wie nie zuvor trommelte sie in der Kurve die ersten 100 Meter herunter, bog erneut mit großem Abstand als Erste auf die Zielgerade und sah bis 175 Meter wie die neue Deutsche Meisterin aus. Doch dann näherte sich mit Riesenschritten die Europameisterin mit der U 20-4 x 400-Meter-Staffel, Lara-Noelle Steinbrecher (SC Magdeburg) und zog auf den letzten Metern tatsächlich noch an ihrer bayerischen Konkurrentin vorbei. Die Zeiten: 24,11 zu 24,23 Sekunden. „Ich kam als Erste aus der Kurve und bin gefühlt über die Bahn geflogen. Natürlich hätte ich mir gern die Goldmedaille geholt, aber mit Silber bin ich auch sehr glücklich!“, sprudelt es anschließend aus Sabrina Hafner.  Immerhin gehört sie auch 2022 noch der U 20-Klasse an. Denn dann stehen erneut ein internationaler Einsatz bei der U 20-WM und möglicherweise noch eine andere Medaillenfarbe bei den Deutschen Meisterschaften ganz oben auf der Wunschliste. Die Chancen dafür stehen jetzt blendend!

Hafner Mayer Mona Hafner 1 Sabrina Andorf 2021 Nevsimal

Für erste Paukenschläge hatte die 18-Jährige schon zwei Wochen zuvor bei den Bayerischen Meisterschaften in Erding gesorgt. Hier hatte Hafner mit zwei souverän herausgelaufenen Titeln über 100 (11,97 Sekunden) und 200 Meter (24,37 Sekunden) bewiesen, wer aktuell die schnellste Nachwuchssprinterin im Freistaat ist. Das Zuckerl auf der Torte gab es jedoch zum Abschluss des ersten Tages, als die Erkheimerin zusammen mit ihren Frauen-Staffelkameradinnen von der LG Telis Finanz Regensburg (Mona Mayer, die frischgebackene U 23-EM Fünfte über 400 Meter, WM-Teilnehmerin Maike Schachtschneider und die DM-Vierte über 100 Meter Hürden, Isabel Mayer) die beste Leistung der gesamten Meisterschaftstage ablieferte. Mit 45,68 Sekunden deklassierten die Regensburgerinnen förmlich ihre Konkurrentinnen und stellten im Ziel eine neue deutsche Jahresbestzeit auf.

„Ich bin super dankbar für alles, was ich 2021 erleben durfte, auch für die negativen Erlebnisse“, bilanziert Sabrina Hafner. Ganz nebenbei bestand sie im Frühjahr auch noch das Abitur am Rupert-Ness-Gymnasium in Ottobeuren. Das Ende der Schulzeit läutet gleichzeitig auch die Profikarriere für die Top-Sprinterin ein. Denn ab September ist Hafner Mitglied des Spitzensportzug der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Dachau – als einzige bayerische Leichtathletin in diesem Jahr. Dies bedeutet einen auf die Bedürfnisse des Spitzensports abgestimmten Dienst mit langen Freistellungsphasen, in denen sich die Sportlerin ausschließlich Training und Wettkampf widmen kann. „Ich freue mich riesig darauf“, sagt Sabrina Hafner. „Denn Polizistin wollte ich schon immer werden. Das dann noch mit dem Sport verbinden zu können, ist schlichtweg ein Traum, der Wirklichkeit geworden ist.“ Und die nächste Stufe auf der Erfolgsleiter. Ihr Ziel ist klar definiert: Ganz nach oben! 

Hafner Kahlbacher Foto