Dramatischer Schwund auf allen Ebenen

Regensburg, 19. Juli 2022 (Ring) –  Die Weltmeisterschaften in Eugene sind nun schon vier Tage alt und Deutschland hechelt noch immer einer Top acht Platzierung hinterher. Sie haben schon richtig gehört: Nicht der ersten Medaille, sondern Top acht! Daraus jetzt schon etwas herauslesen zu wollen, käme einer Panikmache gleich. Sie werden schon kommen, die wenigen Medaillen und auch die Top acht Ergebnisse, sie werden nur immer von einem internationalen Höhepunkt zum nächsten weniger. Noch funktionieren leistungsträchtige Individualsysteme, aber auch sie werden immer weniger. Ganze Disziplinblöcke haben sich mit einem leisen Servus aus der Weltklasse verabschiedet.

Alles auf eine leistungsdesinteressierte deutsche Bevölkerung zu schieben, kann man so nicht gelten lassen. Dem Fußball resignierend das Feld zu überlassen ist wohl auch keine Lösung. Verbesserungen im eigenen System zu suchen, wäre wohl der erste Schritt zur Umkehr. Laut DOSB Erhebung soll der Deutsche Leichtathletik-Verband ja eine Mustervereinigung sein. Hört man sich in Deutschlands Stadien, gleich welche Ebene von Meisterschaften dort angeboten wird, um, hört man von allen Experten und solchen, die sich dafür halten, nur Klagen. Für eine Richtungsänderung wäre indessen allein der Verband zuständig. Sich eine neue Führungsstruktur zu geben und die Spitzenleichtathletik per Befehl in zwölf Leistungszentren zu beordern, wird kurz- aber auch langfristig wenig Wirkung zeigen.

Dabei sind die Alarmzeichen schon dunkelrot – im Volksmund sagt man dazu „es ist fünf nach Zwölf“. Ein dramatisch leeres Olympiastadion bei den diesjährigen Deutschen Meisterschaften, dem Fest der deutschen Leichtathletik überhaupt, spärliche Startfelder bei vielen Disziplinen der nationalen Nachwuchsmeisterschaften sind deutlich sichtbare Zeichen des Schwundes der einstigen olympischen Kernsportart Nummer eins hier zu Lande. Wer genauer hinschaut, sieht ein völlig ungeordnetes Wettkampfsystem, in dem der erweiterten deutschen Spitze nichts anderes übrig bleibt, ins nahe Ausland zu flüchten. Diejenigen, die das auch bezüglich ihres Lebens- und Trainingshintergrund tun, werden bannartig abgestraft und mit Missachtung belegt, weil „die dort“ – wo immer das auch ist – einfach schlechter als bei uns zu Hause arbeiten.

Besonders auffallend ist der Schwund im Übergang zur Juniorenklasse, der Zeit in der die meisten Jungtalente gerade mal ihr Abitur hinter sich haben und eine Universität zum Studieren suchen. Amerikaner, Briten, Franzosen wissen dann wohl, wo sie Sport mit Studium gewinnbringend umsetzen können. Mag sein, dass es einige deutsche Hochschulen gibt, die so etwas immer noch gewährleisten, es sind jedoch viel zu wenige und schon gleich nicht flächendeckend vorhanden, wie in den USA. Die meisten jungen Talente hierzulande entscheiden sich dann meist für die sofortige berufliche Karriere. Ab Zwanzig wird es dann einsam in den liebevoll gepflegten Trainingsgruppen oder man einigt sich auf einen gehobenen Breitensport mit drei Mal Training pro Woche.

Wer glaubt, ich sei ein unverbesserlicher Schwarzseher, sollte sich mal die Mühe machen von Jahr zu Jahr die Teilnehmerzahlen der U23-Meisterschaften der Landesverbände anzuschauen. Hier eine aktuelle Wasserstandsmeldung aus einem der größten Landesverbände, aus Bayern: In einer klassischen Disziplin den 1.500m der Jungs ist 2022 nur ein (!!) Teilnehmer am letzten Tag vor Meldeschluss gemeldet. Und das nicht, weil alle die 800m oder 5.000m laufen. Die kürzere Strecke zählt ebenso nur sechs Teilnehmer, die längere ist schon längst ausgelagert.

Bleibt zudem festzuhalten, dass betreuendes Personal in den Vereinen schlicht und einfach immer mehr die Perspektive für ihren immer noch leidenschaftlichen ehrenamtlichen Einsatz verlieren und sich anderen Dingen widmen. „Profis“ auf diesem Gebiet kann sich die Leichtathletik in nur ganz wenigen Clubs der Upperclass leisten. Die Kooperation mit den Sportlehrern des allgemeinen Schulsystems könnte eine Lösung dazu sein, weil dann zumindest die soziale Absicherung des entsprechenden Lehrpotentials durch den Staat/die Länder abgesichert wäre. In einigen Bundesländern gibt es ihn schon wieder, den Lehrertrainer, in Bayern noch nicht.