Team Deutschland erlebte bei der EM eine wundersame Heilung – oder doch nicht?

Dattke Mayer1 Siegerehrung EM Kiefnerfoto
Regensburg, 25. August 2022 (Ring) – „Danke München“ war heute in der Headline eines dpa-Artikels zu den European Championships zu lesen. Dieses DANKE kann ich nur bestätigen und zwar mit großen, fetten Lettern. Vieles hat mich auch bei der Leichtathletik an jene denkwürdigen, liebenswerten und großartigen Olympische Spiele 1972 an gleicher Stelle erinnert. Vor allem gilt das Lob uneingeschränkt dem neuen, eigentlich alten Format wider dem Gigantismus, dem ungesunden Kommerz, den ständigen zwanghaften Schneller-höher-weiter, der Prunksucht bei den Sportstätten. Dafür waren Nachhaltigkeit, eine überschaubare Anzahl von Sportarten, schlicht und einfach ein geniales Fest des Sports angesagt, bei dem die Zuschauer hautnah dabei sein konnten. Davon mitreißen ließ sich auch Team Deutschland mit ihren Leichtathletinnen und Leichtathleten, das sich plötzlich und unverhofft nach der sogenannt blamablen Vorstellung noch vor drei Wochen bei der WM zum erfolgreichsten Kollektiv des Kontinents aufschwang. War das nun eine wundersame Heilung oder trügt der Schein?

Jürgen Mallow, selbst beim DLV in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends als Sportdirektor beim DLVtätig, hat noch am Abend des letzten Tages seine Sicht der Dinge dargestellt und kommt zu einem desillusionierenden Urteil. „Nichts hat sich seiner Meinung nach seit Eugene geändert“, stellt er in seiner Analyse fest. Er lässt dazu Zahlen sprechen, die zeigen, dass München 2022 auch nicht erfolgreicher waren, als die zurückliegenden Heim-Ems an gleicher Stelle 2002 und jene 2018 im Berliner Olympiastadion und ganz „böse“ Kritiker stellten sogar die Behauptung auf, dass die Leistungen von München 22 bei der WM in Eugene beim puren Zahlenvergleich nur für eine Medaille gereicht hätten.

Den in München geflashten, weil erfolgreichen Athleten/Innen mögen diese Planspiele sichtlich egal sein. Sie ließen sich mit Recht von Tausenden euphorischer Zuschauer frenetisch feiern und genossen das Bad in der tobenden Menge. Siegen und Medaillen in Feierlaune holen ist eben schöner als gescholten werden für nicht erreichte Platzierungen und verpasste Endkämpfe. Zu glauben, dass Team Deutschland in ersten Linie Richtung Heim-EM sich vorbereitet hat, mag emotional vertretbar sein, im Kern aber nicht richtig. Mit einer Berichterstattung im Vorfeld der WM in seinem eigenen Öffentlichkeitorgan leichtathletik.de, die nur das Positive, das Erfolgreiche und eben auch überzogene Erwartungen im zu erwartenden globalen Vergleich wochenlang berichtete, brachte man eine nach wie vor inhomogenes Team in Zugzwang. Jeden Tag sah man dann in Eugene enttäuschte, desillusionisierte junge Athleten/Innen, weil eben Weltmeisterschaften kein harmloser Kindergeburtstag ist, bei dem auch mal ein Schwächerer gewinnen darf.

Seien wir doch einmal ehrlich. Der Pandemie zusätzlich geschuldet, mussten im Grunde viele unter immer noch amateurhaften Bedingungen trainierende deutsche Spitzenathlet/innen mit den Olympischen Spielen 2021, den Weltmeisterschaften 2022 und den Heim-Europameisterschaften im gleichen Jahr ein physisch und mental unmenschliches Monsterprogramm hinter sich bringen. Schaut man den Kalender der nächsten Jahre an, geht das munter so weiter: 2023 Weltmeisterschaften in Budapest, 2024 Europameisterschaften in Rom und Olympische Spiele in Paris, 2025 wieder eine WM und 2026 vielleicht die nächsten European Championships …

Schon allein ein Wechsel der Reihenfolge könnte zumindest für die europäische Leichtathletik eine gewisse Entspannung bringen. Wie wär’s denn mit Europameisterschaften alle zwei Jahre in den ungeraden Jahren und abwechselnd WM und Olympische Spiele einander abwechselnd in den geraden Jahren. München 2022 hat’s gezeigt: Ein bisschen weniger, kann auch mal viel mehr wert sein. Allein die Zuschauerzahlen bestätigen diesen Denkansatz. Waren es in Eugene durchschnittlich zwölf- bis fünfzehntausend Fans, strömte in München pro Tag mehr als die doppelte Anzahl ins Stadion.

Das sind aber nun Dinge, die ein deutscher Verband nur indirekt und sehr wenig beeinflussen kann. Viel wichtiger ist es für die Verantwortlichen zu erkennen, dass nicht die jeweils am Start befindlichen Athleten/Innen und deren Trainer/innen die ganze Schuldlast einer seit Jahren stagnierenden deutschen Leichtathletik zu tragen haben. Die Führungsschicht des DLV steht vielmehr in der Pflicht, in Zukunft die für „Schneller-höher-weiter“ Rahmenbedingungen für ein besseres Leistungsbild zu fordern und zu schaffen.

Dass sich die ändern müssen, um im globalen Vergleich erfolgreicher zu sein, steht außer Frage. Deutschlands Leichtathletik im Basis-, Leistungs- und Hochleistungsbereich hat  einen eklatanten Trainer/innenmangel, weist ein deutliches Ungleichgewicht von nachkommenden Talenten im Vergleich zu ausscheidenden Sportlern im Leistungsbereich auf, flächendeckende Synergien mit dem Schulsport und den Hochschulen fehlen gänzlich. Und das sind nur wenige Schwerpunkte von vielen anderen.

Führen heißt in erster Linie gestalten für eine bessere Zukunft und nicht das Altherkömmliche  verwalten. Diese gewaltige Aufgabe nur dem Vorstandsvorsitzenden Idriss Gonschinska zu übertragen, kann nicht zielführend sein. Der DLV wird niemals nur ein  hauptamtlich geführter Betrieb sei. Er braucht auch in Zukunft ein Meer an ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter, Zu glauben, man könne den Hochleistungssport unter den jetzigen Bedingungen allein in zwölf Bundesleistungszentren optimal nach vorne bringen zu können, wird sich bald als folgenreicher Fehler erweisen.