Europameister ist nicht gleich Europameister

Dattke Mayer1 Ziel EM Kiefnerfoto
Regensburg, 1. Januar 2023 (Ring) –  Die Leichtathletik ist in der Bewertung ihrer erzielten Leistungen zumindest innerhalb einer Disziplin eine einfache Sportart. Wer besser oder schlechter ist, lässt sich in Hundertstelsekunden und Zentimetern festhalten. In der Bewertung der einzelnen Disziplinen vom Sprint bis zum Zehnkampf gibt es aber vor allem in der medialen Betrachtung erhebliche Unterschiede. Ein Geher muss bei internationalen Meisterschaften eine überraschende Medaille bringen, will er es in den Gazetten zu einer Headline schaffen. Die Popularität für solche Spezies von Hochleistungssportlern ist in den Medien eine weitaus geringere als im Sprint oder im Marathon. Das hat für einen Geher durchaus auch gewisse existentielle Auswirkungen. Auf die Frage, ob er denn seit Tokio auch im Besitz eines Ausrüstervertrages ist, antwortete mir Silbermedaillengewinner Jonathan Hilbert Schulter zuckend: „Da habe ich keine Chance drauf. Geher will kein Ausrüster unterstützen.“

Mag sein, dass der Mainstream hier die Öffentlichkeitswirkung abschwächt. Rein sportlich gesehen ist das aber nicht fair. Anlässlich der Europameisterschaften ist mir das hinsichtlich zweier  eigentlich Medien verwöhnten Disziplinen, dem Sprint und dem Marathon, deren Popularität ich eigentlich bisher annähernd gleich eingeschätzt hätte, noch einmal sehr differenziert aufgefallen. Beim TV-Resümee der für Deutschland so erfolgreichen Europameisterschaften in München wurden sechs Goldmedaillen überschwänglich gefeiert, darunter vollkommen zurecht auch Marathonläufer Richard Ringer und die 4x100m Staffel der Frauen. Das Marathon-Goldteam der Frauen wurde hingegen einfach mal so übersehen, obwohl die deutsche Mannschaft mit Miriam Dattke, Domenika Mayer und Deborah Schöneborn für einen der überlegensten Siege gesorgt hatte.

Später dann am Ende des Jahres, als die Fachjournalisten, also jene, die eigentlich reichlich Ahnung von der Materie haben sollten, „ihren“ Sportler, Sportlerin und Mannschaft des Jahres wählten, landeten die Strahle-Girls der 4x100m Staffel auf Platz, natürlich wieder, wie nicht anders zu erwarten, hinter König Fußball in Form der Eintracht Frankfurt, die eigentlich nur die zweite Liga auf europäischer Ebene als Europa League-Sieger gerockt hatten. Goldmedaillen-Teams von den Olympischen Winterspielen landeten nur unter ferner liefen. Das deutsche Frauen-Marathonteam stand nicht einmal zur Wahl. Und das mit Leistungen, bei denen alle sechs am Start befindlichen Läuferinnen die Qualität einer erfüllten WM Einzelnorm in die Waagschale legen konnten und selbst die Einzelzeiten der vierten, fünften und sechsten deutschen Läuferinnen noch zu Bronze gereicht hätten, wenn es denn eine zweite Mannschaft in der Wertung gegeben hätte. Im Gegensatz dazu wurde der Sieg der deutschen 4x100m Staffel geradezu überhöht gefeiert und dementsprechend in allen folgenden Betrachtungen auf eine Ebene mit den Triumphen von Konstanze Klosterhalfen und Niklas Kaul gestellt.

Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass weder der Deutsche Leichtathletik-Verband noch die in Deutschland führenden Medien verinnerlicht haben, dass jene im Marathon erzielte Teammedaille in diesem Jahr ein vollwertiger Europameisterschaftstitel war, dem nur der Glanz von überragenden Einzelleistungen fehlte, weil das Rennen unter unmöglichen klimatischen Verhältnissen stattfand und von den Protagonistinnen anstatt mit maximaler Renngeschwindigkeit eher als taktischer Krimi zelebriert wurde. Dasselbe traf dann auch für das deutsche Männerteam zu, deren Silber fast unterging, weil eben der Einzel-Europameister Richard Ringer auch für eine kleine Sensation gesorgt hatte. Am Ende konnte Marathon-Team Deutschland neben den drei gewonnenen Medaillen auch noch vier weitere top10 Einzelergebnisse vorweisen und damit ein Gesamtergebnis erzielen, wie kaum ein anderer Disziplinblock.

Dass für diese etwas ungleiche Medienbehandlung selbst auf den Seiten der Verbandsplattform leichtathletik.de markttechnische Gründe oder Quotendenken dahinter stecken würden, ist kaum anzunehmen, weil die Disziplin Marathon inzwischen hierzulande sowohl im Breiten- als auch Spitzensport schon lange ein Renner geworden ist mit geradezu epischen TV Übertragungen von einigen großen Stadtmarathons wie Berlin, Hannover, Hamburg und Frankfurt bei fünfstelligen Teilnehmerzahlen und hohen Einschaltquoten. Irgendwie scheint man von offizieller Seite die explosionsartige Entwicklung des deutschen Marathons verschlafen zu haben. Das Argument, dass sie in der Weltspitze zumindest bei den Top10 keine Rolle spielen, kann objektiv auch nicht gelten. Deutschlands Sprinterinnen und Sprinter tun das genauso wenig und auf den ersten regulären 100m Lauf unter 10,00 Sekunden eines Deutschen wartet die Republik seit Jahrzehnten vergeblich.

Bei genauerer Betrachtung der allgemeinen Sachlage ist es also längst an der Zeit, die wackeren Marathonis in Schwarz-Rot-Gold ein wenig besser in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht zuletzt, weil sie auf Münchens Straßen wohl mehrere Zehntausende geradezu in Ekstase versetzt hatten, absolut vergleichbar dem Begeisterungssturm unterm Zeltdach, als Klosterhalfen, Kaul und co. ihre Siege einfuhren. Es waren keine stillen Siege bei fehlender Konkurrenz, die man schon vorher erwarten konnte, es waren leidenschaftliche Kämpfe um die Plätze an der Sonne. Dieser Marathon wird vielen Fans noch lange als ein großes Highlight dieser Europameisterschaften in Erinnerung bleiben, nicht zuletzt auch wegen der überwältigenden Vorstellungen der beiden Regensburger Damen Miriam Dattke und Domenika Mayer, die völlig unerwartet Vierte und Sechste wurden, wobei Erstgenannte nur im dramatischen Fotofinish Bronze gegen eine der hohen Favoritinnen, Nienke Brinkman, verlor und bis zum Schluss um Gold mitlief. Nicht zuletzt auch wegen Richard Ringers Gold-Finish, mit dem er alle Experten überraschte.